mb-today.de: OEKO DIALOG

Moseskorb

Die Geschichte vom Säugling, der in einem Korb ausgesetzt wird, und im Flusswasser des Nils im Schilfgürtel vor sich hin schaukelt, ist nahezu religiöses Allgemeingut. Ebenso der Moseskorb, in dem Mütter ihr Neugeborenes mit sich tragen. Die Geschichte ist auch ein Beispiel für interreligöse Initiative und Motivation. Weitere Beispiele folgen.

Übergangswesen Mensch

Von Übergangszonen, Mooren, Küsten, Flussgebieten ist in diesem Blog öfter die Rede. Das ist der Blick auf die Veränderungsfaktoren z.B. Eiszeiten, Überschwemmungen, Geländeveränderungen vulkanischem Ursprungs. Auch, wenn die geologischen und metereologischen Folgen bis heute erkennbar und spürbar sind, gehen wir im Alltag – gerade im Natur- und Umweltschutz – doch meist von unveränderlichen Tatbeständen aus, die erhalten und geschützt werden müssen.  Ausserhalb dieser Perspektive liegendes bleibt bei der Betrachtung zunächst ‚aussen vor‘, bestimmt aber dessen ungeachtet umso entscheidender unser Bewusstsein. Weiten wir den Horizont, gerät der Mensch als „Übergangswesen“ selbst in den Blick.

Die DNA-Forschung bringt es an’s Licht. Nach DNA-Analysen sind wir, die Bevölkerung Europas, Akfrikaner. Dort befindet sich der stabilste DANN-Pool, von denen Teilpopulationen höchstens als Abweichungen zu betrachten sind. In Wanderungsbewegungen ausgedrückt, war die Herkunft Afrika und das Ziel Europa.

Was in der Praxis wenig Auswirkungen hat, zu dominant sind Unterschiede bspw. in der Hautfarbe, so nachhaltig wirkt diese Erkenntnis auf grundsätzliche Einstellungen wie Rassismus auch Antisemitismus. Es ist eine nachhaltige, weniger eine primär dominant-beeindruckende Wirkung. Auch wir Menschen sind „Übergangswesen“, verändern uns im Ausdruck und Verhalten, wenn auch nicht unbedingt in einer Generation sondern über Generationen hinweg. Auch unsere Vorstellung von Herkunft verändert sich.

Wenn ich im Blog von Ort zu Ort gehe, um Rettenden & Menschliches aufzufinden, ist dies der Kompass.

Quellen:

https://www.mpg.de/11344069/genetische-herkunft-der-europaeer.pdf

https://www.mdr.de/wissen/archaeologie-fruehgeschichte/neue-dna-beweise-voelkerwanderung-europa-erstes-jahrtausend-100.html

https://www.deutschlandfunk.de/neue-dna-analysen-verraten-mehr-ueber-voelkerwanderungen-100.html

Die Geschichte geht so weiter

Schließlich wird das Kind von der Tochter des Tyrannen, der den Mordbefehl erteilt hat, gerettet. Sie ist nicht die einzige ist, die sich entgegen der Erwartungen verhält, inmitten einer Szenerie von Verfolgung, Mord und Totschlag.

Mensch kann auch sagen, dass die Legende sich bemüht, die darin liegende Härte und Brutalität ein Stück weit zu entschärfen. Fluss-und Moorlandschaften sind des Öfteren Schauplätze im Lebenskampf. Unwirtlicher können Verhältnisse kaum sein. Die Mutter des Säuglings ist selbst Sklavin. Trotzdem steht der „Zufall“ auf Seiten der Opfer. Die Mutter nimmt das Kind an sich. Moseskorb heisst der Korb in vielen Ländern. Das ist kein Idyll, das ist Überlebenswillen und Menschlichkeit auf Messers Schneide. Die Mütter setzen sich nicht nur für Kinder ein: sie retten das Kind. Eine Erzählung, die dabei hilft, der Wahrheit schrittweise den Weg zu bahnen.

Eine Story, in der die Natur eine tragende Rolle spielt, Anklänge an idyllische, symbolische und angsterregende Bilder mitgerechnet. Schon lautmalerisch düsterere Beschreibungen von Mooren und Sümpfen fallen einem ein. Aber auch Bilder, in denen sich Hoffnung und Schrecken gegenseitig in Schach halten. In der Sprache von heute: Moore- und Feucht-Gebiete speichern CO2, machen andererseits Pläne zur Trockenlegung und wirtschaftlichen Nutzung null und nichtig, sie bieten zwar Rückzugsmöglichkeiten für Diktatur-Verfolgte und ‚Gesetzlose‘, sind aber ebenso Verkehrshindernis, sogar für den Durchmarsch ganzer Armeen. Dem Doppelcharakter von ‚Festland‘ und ‚Bodenlosigkeit‘ kommt nur näher, wer aus Ratio und Emotion keinen Gegensatz konstruiert. Aufklärung muss emotional sein, um Menschen zu erreichen, sagt Alexander Kluge (DLF 15.02.24).

2001 fand eine der Initialzündungen für interreligiöse Initiativen in Deutschland im Martin-Buber-Haus in Heppenheim statt, und zwar mit der Gründung des Abrahamischen Forums (zum Gesamtthema: Interreligiöse Initiativen, Ergon Verlag, Baden-Baden 2023). Interreligiöse Umweltinitiativen ziehen Kraft aus Mythen und Traditionen, wie jene rund ums Wasser. Einige dieser Initiativen tragen die Nähe zum Wasser direkt im Namen,

  • so die Arbeitsgemeinschaft Garten der Religionen für Karlsruhe e.V.
  • der Garten der Religionen Recklinghausen

Ein weiteres Charakteristikum ist die Zweiteilung, (a) von der Glaubensgemeinschaft her zu denken und diese unter dem Aspekt der interreligiösen Gemeinsamkeit zu nennen, (b) vom Individuum her zu denken, und zwar unter Hintanstellung des Bekenntnisses.

So wird gesprochen von Menschen

  • „mit verschiedenen kulturellen, religiösen, weltanschaulichen Hintergrund“ (Coexister)
  • als „religionslos“ (Garten der Religionen für Karlsruhe e.V.)
  • als „konfessionslos“ (Freunde Abrahams) oder es werden
  • „nicht-religionsbezogene zivilgesellschaftliche Organisationen“ genannt (Religions for Peace).

Mit dem Bekenntnis, rückt auch die Motivation, d.h. die Frage nach dem „Warum“ in den Hintergrund und verschiebt sich dabei vom Expliziten ins Implizite, d.h. versteht sich vom „Selbst“ des Einzelnen. Damit besteht andererseits die Gefahr, den Kern des Glaubens (Nukleus) einzuebnen. Interreligiöse Initiativen aber können diesen in besonderer Weise sichtbar machen. Die Frage nach dem Warum wird hier nicht primär naturwissenschaftlich beantwortet (das kommt bisweilen auch vor) sondern eher mit dem Hinweis auf Nähe, Zugehörigkeit, Erfahrung. Auch ‚Moseskorb‘ ist ein Beispiel dafür. Fragen werden also beantwortet, aber nicht unbedingt, wie sie gestellt werden. Nicht unbedingt in einem Vokabular, in dem Bekenntnis-Sätze und -Formulierungen auftauchen oder anklingen.

Zum Beispiel: Paludi-Kultur

Paludi meint ursprünglich Moor, Sumpf. Paludi-Kultur ist die landwirtschaftliche Nutzung mooriger und sumpfiger Gebiete. Sümpfe sind Wasser und Land, besser: weder Wasser noch Land. Oder salopp gesagt: weder Fisch noch Fleisch. Damit sind wir beim Tier und der Nahrung, damit bei den Ernährungsvorschriften. Und damit ganz wesentlich bei der Religion.

Wer dies übergeht, wird sich nicht klar darüber, wie elementar wir durch Ernährungsegeln bis heute bestimmt werden. Und zwar besonders dann, wenn uns diese gar nicht bewusst sind! Ernährungsgebote haben über Jahrhunderte mittels Ekel, Abneigung und Geschmack ihre Wirkung entfaltet. Diese Mischung aus Tabu, Sympathie, Antipathie und Chemie hat sich in uns hartnäckig festgesetzt. Beispiel: Pferdefleisch, nahrhaft und gesund, Papst Gregor III. hat im Jahr 732 das Essen von Pferdefleisch verboten. Bis heute ist in weiten Kreisen Pferdefleisch nicht akzeptiert. Hundefleisch ist aktuell in Südkorea auf den Index gekommen, für Hindus sind Kühe heilig, Muslime und Juden meiden Schweinefleisch.

Dieser in Fleisch und Blut übergegangene Widerwillen findet nicht selten seine Entsprechung im Verhältnis zur Natur. Zum Beispiel: Feuchtgebiete. Sümpfe und Moore sind Verkehrshindernisse und stehen ebenso der landwirtschaftlichen Nutzung entgegen. Grund genug, sie auf die Liste der unnützen und unrentablen Flächen zu setzten. Solche Gebiete sind aber auch Refugien und Rückzugsgebiete für Verfolgte, Menschen wie Tiere, sowie: Anker der Hoffnung in Zeiten von Öko-Krisen. Wir summieren den CO2-Speichergehalt der Moore und kommen zu Ergebnissen, die Hoffnung machen.

Nehmen wir das Moor, und was dort wächst und von ihm lebt, näher in Augenschein: Ob Weiden, Seggen, Rohrkolben, Schilf oder Gras: die Verarbeitung reicht vom traditionellen Weidenflechten, vom Schilfdach bis zum computerisierten Digital Wicker (https://ddf.ieb.kit.edu/downloads/WS21_22%20Brochures/DDF_Digital%20Wicker_brief.pdf). Dies digital konstruierte und hergestellte Flechtwerk bietet besonders auch vielfältige Lösungen für die Bauwirtschaft. Dazu kommen Schmuckelemente und Accessoires in allen Variationen. Und zwischen all den Feuchtpflanzen, gern im Wasser weidend, steht der genügsame, kommerziell gut verwertbare, Wasserbüffel (www.kaufnekuh.de/de/rassen/wasserbueffel).

Last, not least, weil es mittlerweile so selbstverständlich ist: Wirtschaften am und im Wasser löst Branchengrenzen auf. So stellt die Landwirtschaft in Form von nachwachsenden Rohstoffen nahezu unbegrenzte Ressourcen für Industrie und (Bau-) Wirtschaft zur Verfügung. Um diese Hersteller herum siedeln sich produktionsnah und umweltfreundlich  Dienstleister an: Designer, Gastronomen, Handwerker. Viele Feuchtpflanzen sind „Allerweltsrohstoff“ und nicht auf Sümpfe angewiesen. Sie wachsen an Straßenrändern, Gräben, Teichen, Flüssen, sowieso in unbewirtschafteten Niemandsländern, also so gut wie überall, wo es der Natur überlassen wird. So entstehen aus Faser-Verbundstoffen, Knöpfe, Verbindungselemente und Werkzeuge. Man sieht sie vor sich: Figuren am Weihnachtsbaum, Knöpfe an der Oeko-Fashion-Jacke, Befestigungselemente bei der Elektro-Installation, die den Markt erobern. Werkstoff-Kombinationen, die gegen unendlich tendieren.

Paludi-Kulturen beenden, wo sie praktiziert werden oder renaturiert werden, die Monokulturen, die viele der Öko-Krisen erst verursacht haben. Dazu kommt, auch ökonomisch, die Wiederbelebung der Diversität, schon dadurch, dass Effektivität und Effizienz nicht mehr nur die einzig entscheidenden Koordinaten sind. Am Horizont taucht ‚Diversität‘ zudem als Wert  auf, ein Wert, der lange kaum eine Rolle spielte, jetzt aber auf gesamtgesellschaftlich wachsende Resonanz stösst. 

Alternativen sind Antworten  

Buber playdiert für das „gesprochene Wort“. Das gesprochene Wort unterscheidet sich fundamental von anderen Formen. Es kommt aus einer spezifischen Situation, präzisiert einen Gedankengang, zielt auf vorangegangene Meinungsäusserungen und ist eingebettet in einen Zusammenhang. Trotzdem steht es für sich. Ein Wort kann eine Situation völlig neu beleuchten. Trotz und alledem ist es Teamplayer, braucht Bezüge, Unterstützung, ist Teil eines Gesprächs, kommt selten allein, erlaubt angepasste Reaktion, braucht Dialog und Diskussion. Vor allem: Das Wort fordert Antwort, Erwiderung.

So befinden wir uns mitten im Gespräch, präziser im Gedankengang, mit dem ein Partner einen Akt des Gesprächs eröffnet. Ein Gedankengang, der in diese Situation passt, in die inhaltliche Gesamtsituation oder zum unmittelbar Vorangegangenen. Also im Kern kein Vortrag, kein Monolog. Das ist manchmal nicht ganz einfach zu unterscheiden. Wichtigste Merkmale: Der Sprecher lässt Raum für Entgegnung, ja, formuliert so zugespitzt, so dass sich Widerspruch / Antwort faktisch aufdrängt.  Es ist dieser Raum, diese Erwartung, der die Erwiderung überhaupt erst zur Antwort macht, Raum schafft und dadurch den Unterschied macht, ob das Gespräch überhaupt in Gang kommt. Eine Frage der Atmosphäre würde man sagen können. Eine Frage auch der Bereitschaft und des Engagements des Partners wird man auch sagen müssen. Vieles schwingt da mit: Tonfall, Emotion, Zusammenhang. Raum für Ideen, Anregungen, Phantasie. Menschen sehen sich „gedrängt“, das Wort zu ergreifen, stehen zu ihrem Wort, stehen dahinter. Wo das fehlt, reicht es nur zu einem Schlagabtausch.

Das Gespräch strukturiert sich kurz a) in den darstellenden Gedankengang und b) in die Reaktion/Antwort. Seiten können wechseln, der Gesprächsverlauf dynamisch werden. „Der echte Autor und das echte Gespräch beide schöpfen aus dem Bestand der Sprache, also nicht aus dem Staubecken des Besitzes, sondern aus den quellenden und strömenden Wassern“. „Ich meine, die Wichtigkeit des gesprochenen Wortes gründet in der Tatsache, daß es nicht bei seinem Sprecher bleiben will. Es greift nach einem Hörer aus, es ergreift ihn, ja es macht diesen selber zu einem, wenn auch vielleicht nur lautlosen Sprecher“ (beide Zitate nach Abschrift einer Tonbandaufzeichnung der Rede Martin Bubers zu Anfang der Tagung »Wort und Wirklichkeit« der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vom 11. -15. 07.1962, veröffentlicht durch Bernd Ulrich 2007).

Hörer und Sprecher dieser Spezies suchen „Alternativen“ und sind nicht mit der Rolle des passiven Rezipienten abzuspeisen. Daher ist gerade auch die ökologische Alternative, die es ja mit Überleben und Existenz zu tun hat, eine Antwort.