Face to face: Giorgio Agamben oder die Freiheit zu denken, wie und was man will
Face to face: Giorgio Agamben oder die Freiheit zu denken, wie und was man will Am Anfang der Erkenntnis steht die Frage. Also auch am Anfang der Wissenschaft. Die Fragen entwickeln sich im Leben. Lebenswelt und Wissenschaft verweben sich permanent. Einige Beiträge vorher sprach ich von ‚Patchwork‘. Ein Begriff, der auch für die Systematik von Kunst und Wissenschaft passt. Auch die hat sich im Lauf der Zeit geändert. So sehr, dass dies als Deutungsrahmen für Erkenntnisse und Aussagen heute von Belang ist. Das ist auch abzulesen am Verständnis von Wissenschaft, wie es der Philosoph Giorgio Agamben formuliert (Kurt Appel, Die Wahrnehmung des Freundes in der Messianität des Homo sacer. Geschichtstheologische Überlegungen nach Giorgio Agamben. Uni Tübingen https://publikationen.uni-tuebingen.de › xmlui › bitstream › handle › 10900 › 146638 › Appel_029.pdf). Agamben rekurriert nicht nur auf die Philosophie sondern im Zusammenhang damit auch auf die Theologie und nennt (u.a.) Heidegger, Michel Foucault, Hannah Arendt, Walter Benjamin als Kronzeugen. Das sagt uns: Heute herrscht ein Verständnis vor, das von der Pluralität der Wissenschaften d.h. ihrer grundsätzlichen Gleichwertigkeit ausgeht. Dem steht das scholastische Denken entgegen, das, der Wertehierarchie des Mittelalters verpflichtet, der Theologie Vorrang gibt und die Philosophie als deren „Magd“ sieht. Ein Verständnis, das nicht, folgt man Agamben, „von gestern“ ist, sondern die Voraussetzungen unseres Denkens erhellt. Das Mittelalter kannte nicht nur eine andere Systematik der Wissenschaften und Künste, sondern in dieser auch eine Hierarchie, nämlich den alles durchdringenden Gottesbezug. Da also kommen wir her, auch im Denken wie z.B. vom Allgemeinen zum Besonderen. Das Besondere ist dann bspw. nicht nur das Individuelle oder die Kindheit, sondern steht in einem Verhältnis zum grossen Ganzen und gilt so auch für jeden von uns. Auch nachdem die Scholastik als verbindliches Wertsystem passé ist: Ich kann mir aussuchen, was in meiner Weltsicht das letzte Wort haben soll, ob Philosophie, Theologie, Psychoanalyse, Soziologie oder mein ganz eigener Mix. Zu den Denkern der Jetztzeit, die einen sehr „eigenwilligen“ Mix von Wissenschaften (und Künsten) bevorzugen und nur schwer einer Disziplin zuzuordnen sind, gehören u.a. Buber, Arendt, Agamben, Paul Virilio, Foucault, Walter Benjamin, André Glucksmann. Wie gelungen ich mich mit meinem Mix zwischen die (Lehr-) Stühle setze, merke ich an der Vehemenz der Kritik, die mir entgegenschlägt. Geht es um Interkulturelles, ist eine solche Haltung sowieso ohne Alternative, sieht man sich nur die weltweit unterschiedlichen Wissenssystematiken und Erkenntnismodelle an. Was für Wissenschaft als Disziplin Gültigkeit hat, gilt so nicht für mich. Ich habe das Gebot pluraler Gleichwertigkeit zu achten, bin aber frei in der Wahl meiner Interpretationsmuster. Einer der Denker, ein im ursprünglichen Sinne des Wortes ‚Querdenker‘, ist Giorgio Agamben, italienischer Philosoph, der die Theologie den ihr aus seiner Sicht gebührenden Platz im Kreise der Wissenschaften einräumt. Wir befinden uns, in einer Situation, wird Agamben von Appel zitiert, in der Geschichtsdeutungen (auch Utopien, JPK) zerfallen oder „ins Nichts führen“ (ebd., 94). Die Leerstelle bleibt nicht lange unbesetzt. Agamben denkt und schreibt – darin gleicht er dem Gesprächsphilosophen Martin Buber – aus der Auseinandersetzung heraus: „In dieser Situation zeigt es sich, dass die neuen Fantasy-Erzählungen massiv religiöse Motive aufnehmen und transformieren. Ganz besondere Bedeutung haben dabei apokalyptische Szenarien“, die Himmel und Hölle in Bewegung setzen (ebd., 80). „Die virtuelle Welt hebt Zeiten und Räume auf, macht sie beliebig auswechselbar und wiederholbar“ (ebd.81). Damit hebt Agamben die Wirksamkeit auch theologischer Begriffe und Konzeptionen ins Bewusstsein (.?.). Sein Denken macht deutlich, wie theologische Kategorien unsere Vorstellungen und „gesellschaftliche Wahrnehmungsweisen konfigurieren “ (ebd., 83). Dann kommt Agamben zum Schluss: Im Zentrum des „Gegenentwurfs“ Agambens stehe „Messianität“ (ebd., 84). Es handele sich so Appel, um Agambens „Versuch eines messianischen Gegenentwurfs (dem Walter Benjamins ähnlich in seinem Zugriff auf das „Humanum“. (ebd., 84). Dem Messianischen kommt bei Agamben demnach hoher Stellenwert zu: Sie zeigt sich darin als „radikale Immanenz und als Entwertung aller Modelle, die zwischen dem Menschen und der Erfahrung des Singulären“ treten (ebd. 101/102). Das erinnert an den Freiheitsbegriff von Hannah Arendt. „Das Handeln ist nicht unmittelbar aus dem Sein ableitbar, sondern markiert eine eigene Sphäre“, in der sich „das Subjekt quasi gebiert“ (ebd., 93). Die Aufteilung in Wissenschaften und Künste, die uns gegenwärtig geläufig ist, ist eine andere. Die Systematik aber, so selbstverständlich sie auch erscheint, unterliegt selbst ständiger Veränderung. Der Teil, den wir beeinflussen, erschliesst sich uns durch die Freiheit.
Face to face: Dialog zwischen Hannah Arendt und Winfried Kretschmann
Face to face: Dialog zwischen Hannah Arendt und Winfried Kretschmann Martin Buber ist nicht der einzige Gesprächspartner, den wir in der jüngeren Vergangenheit haben. Winfried Kretschmann, Ministerpräsident (früher KBW-Mitglied), hat seinen Dialog mit Hannah Arendt 50 Jahre nach deren Tod 2025 in Buchform gefasst (Winfried Kretschmann, Der Sinn von Politik ist Freiheit. Warum Hannah Arendt uns Zuversicht in schwieriger Zeit gibt. Verlagsgruppe Patmos 2025). Der Dialog zwischen Kretschmann und Arendt ist wiederum Anlass für meine Aufnahme des Dialogs besonders mit Hannah Arendt. Kretschmann folgt Begriffen Hannah Arendts, die sie in die politische Debatte gebracht hat: Pluralismus (ebd. 7ff.): Zu meiner Schülerzeit war der Begriff verpönt. Pluralismus hatten wir im Supermarkt, Pluralismus hatten wir im Pressemarkt, das war für uns ein gesichtsloser Brei. Wir wollten Konturen, die – an den Rändern – Abgrenzungen verlangen. Heute haben wir eine andere Lage: Wir erleben Polarisierung. Pluralität bekommt einen positiven Klang. Totalitarismus: Der Begriff stiess in weiten Teilen der politisch bewegten Jugend zu meiner Zeit auf Ablehnung. Meist sah man darin eine Gleichsetzung rechts und links. Was von rechts kam, bedeutete nationalistische Drohung, links, das hiess im kalten Krieg Diktatur. Freiheit hatten wir sowieso, wir mussten nicht drum kämpfen. Verantwortung war diskreditiert als Schülern zugestandene Konzession. Es gab die rechtlich schwache SMV Schülermitverantwortung. Wahrheit beansprucht bei Kretschmann breiten Raum (vgl. 99 ff.). Darin macht er die Probe aufs Exempel. Und das Exempel ist: Wahrheit. Auch die Wahrheit „in der Meinung des anderen“ (ebd. 21). An ihr erweist sich Freiheit, Freiheit sei der Sinn all seiner politischen Engagements. Diese würden erst durch die Wahrheit real, es liesse sich auch sagen: wahr. Dafür benötigen sie Macht, die für Arendt durch gemeinschaftliches Handeln zustande kommt (ebd. 75). Auch das im Widerspruch zu einer generalisierenden Machtkritik. Vor die Wahrheitsfrage im politischen Raum wurde ich erst später gestellt: 1968. Niederschlagen der Befreiungsbewegung in der Tschechoslowakei. Ich stand fragend vor meinem eher linken Lehrer. Warschauer Pakt und Nato sind wie zwei Hunde, die an ihren Leinen zerren und sich ankläffen, so sein Befund. Noch später wurde mir Vaclav Havel wichtig. Systematische Lüge in einem gewalttätigem Kontext war sein Thema (ebd.102). Heute sprechen wir da auch von Fake-News. Kretschmann wird da konkreter und fordert eine europäische Social-Media-Plattform (ebd. 118 ). Hannah Arendts akademische Gesprächspartner war ein bunter Haufen (u.v.a.): Karl Jaspers Romano Guardini, Nicolai Hartmann, Rudolf Bultmann, Martin Heidegger, letzterer auch Lebenspartner. Das fällt auf: Gegensätze beherrschen das Bild. Zu Marburg, einer der Studienorte Arendts, hatte ich einen persönlichen Bezug. Waren wir als Familie da, gingen wir ins Café Vetter, hoch über der Lahn. Im Café Vetter tobten enige bunte Vögel in Volieren und Käfigen, im Fernsehen lief die Übertragung der Olympischen Spiele aus Rom. Mein Vater erschien mir entspannt, wenn wir da waren. Es gab noch ein Café, das Café Maldaner in Wiesbaden, das wir immer wieder besuchten. Da war er schon als Junge mit seiner Mutter gewesen. Im Maldaner dominierte damals eine bürgerliche Salon-Atmosphäre. Und dann gab es noch das Café Wien, eher eine Kneipe, nahe der Schule. Oberstufenschüler nutzten es zusammen mit jungen Lehrern als Ausweichort während der ausgefallenen Unterrichtsstunden. Das Café Wien blieb eine leere Versprechung und degenerierte zur Kliquenwirtschaft. Die (christlichen) Werte sind heute längst eingewandert in Alltagsethik und -moral. Eine besondere aber auch missliche Situation: Einerseits sind die Werte weg – andererseits sind sie da, aber woanders, nicht dort, wo wir sie erwarten, sozusagen in profaner Gesellschaft. Eine Situation, in der wir uns von aussen, nicht länger nur aus der Binnenperspektive des Ich betrachten: Die Perspektive relativiert macht uns insgesamt aber handlungsfähiger. Eine Perspektive mit Zukunft, wie sie jeder einzelne Mensch hat (ebd.17). Bei Hannah Arendt ist das Positive Thema! Und zwar deshalb, weil sie sich auf den unverwechselbaren aktiv handelnden Menschen konzentriert. Für Arendt hat dieser Mensch Zukunft (ebd. 123 ff). Eine Zukunft, die „ausgehandelt“ werden muss (ebd. 19). Auch Arendts Innovationsbegriff lebt von der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen „Sichtweisen und Logiken“ (ebd. 96). Wie radikal Hannah Arendts und mit ihr Winfried Kretschmanns Wertschätzung des Handelns ausfällt, zeigt folgender Satz: „Das Handeln des Menschen zerschneidet die Zeit und teilt das chronologische Kontinuum in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ (ebd. 130). All dies aber beweist sich nicht nur im Dialog, es wird auch angestossen durch den Dialog, wie den zwischen Kretschmann und Arendt. Arendt kritisiert die Ent-Individualisierung von Menschen in Diktaturen und setzt ihre Hoffnung auf den unverwechselbaren Beitrag des Menschen (ebd. 50 f.), der aktiviere und zum Handeln auffordere.
Face to face: Frantz Fanon
Face to face: Frantz Fanon Frantz Fanon wäre dieser Tage hundert Jahre geworden. Frantz Fanon (1925 in Martinique – 1961 in Maryland/USA), Psychiater, Sozialtheoretiker, Politiker, lässt mich an Georg Büchner denken, angehender Arzt, Revolutionär, im 19. Jahrhundert ins Exil getrieben. Einer, der die Brüche seines Lebens nicht überdeckte, sondern ausfocht, wie Fanon. „Wir Farbigen weigern uns, Außenseiter zu sein, wir nehmen voll und ganz teil am Schicksal Frankreichs“ (nach Wikipedia zitiert: Frantz Farnon, zuletzt bearbeitet am 17. Okt. 2025). Die 68er waren hierzulande die, die sich ausdrücklich auf den Revolutionär Georg Büchner in ihrem politischen Kampf bezogen, das war vor jetzt ca. 50 Jahren. Anders als Fanon beriefen sie sich aber nicht auf das Bürgertum, sondern stellten es frontal als Problem in Frage. Als ich Schüler war, fehlten mir Ansprechpartner, damals ‚Establishment‘ genannt. Unsere (jungen) Lehrer und Professoren, waren selbst oft Teil des Protests. Und die, die Älteren schwiegen, waren meist froh, wenn sie nicht zur Rede gestellt wurden. Fanon blieb Bürger und handelte als Bürger. Er ging nach Tunis und schloss sich offiziell der algerischen Unabhängigkeitsbewegung an, war Mitherausgeber eines zentralen Presseorgans und als Diplomat zuletzt Botschafter der provisorischen Regierung Algeriens in Ghana. Obwohl als ‚people of color‘ und Einwohner von Frankreich d’outre-mer (Martinique) doppelt deklassiert, nahm er das „Angebot“, sich als „Aussenseiter“ zu verstehen und zu verhalten, nicht an. Und nicht nur das: „Ihn trieb um, wie gesellschaftliche Verhältnisse die Lebenswirklichkeit und das Selbstempfinden von Menschen prägen, wie Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse Sein und Bewusstsein formen und wie gesellschaftliche Verhältnisse eingerichtet sein müssten, um allen ein Leben in Würde zu ermöglichen“ so Teresa Koloma Beck (19.10.2025): Frantz Fanon. Crashkurs in Zorn, Würde und dem Preis der Revolte, Dlf). Der Kampf gegen koloniale Strukturen war die Klammer, die sein Leben mit antikolonialen Bestrebungen verband: „Befreiung bedarf nicht nur der Arbeit an den äußeren Verhältnissen, sondern immer auch der intensiven Arbeit am Selbst“ (ebenda). Fanons Engagement und seine Existenz gehen unmittelbar ineinander über: „Die kolonisierte Welt ist eine zweigeteilte Welt“ (ebenda). Fanon kommt also nach globalen antikolonialen Engagements wieder bei sich an, und zwar ohne sich in einer unproduktiven Nabelschau zu verfangen. Wäre es nicht vor allem existentiell wahr, gäbe es eine gute Pointe ab, dass angesichts der von ihm kritisierten kolonialen Zweiteilung der Welt Fanon einer blieb, der mit sich eins war.
Face to face: Partner
Face to face: Partner Ich/Du haben ein Gegenüber, den wir ehrlicherweise Lebenspartner nennen. Wir leben zusammen, tun viel zusammen, arbeiten vielleicht zusammen. Grosses Glück. Trotzdem: Vieles kann Gewöhnung werden. Fazit: Innerlich drehen wir uns voneinander ab. Dazu kommt: Viele Aspekte kennen wir ja auch noch gar nicht am anderen. So kann’s kommen, dass Du Deinen Partner nach langer Zeit wieder begegnest. Oder, dass Ihr eure Gegenwart plötzlich als ganz neue Begegnung empfindet. Ihr macht einen Anfang. Manchmal mitten in dem, was ihr kennt. Bedingung: Wir müssen uns dann und wann fremd sein lassen oder da und dort fremd werden, damit wir uns auch wieder begegnen können. Begegnung hat immer etwas Punktuelles, Situatives. Zum Beispiel: Liebe macht nicht etwa einfach blind, sondern sie konzentriert sich auf Eigenschaften des Andern, die mir besonders wichtig sind. Mit der Zeit treten andere und neue Eigenschaften in den Vordergrund. Ich lerne den Partner neu und anders kennen. Wir begegnen uns.
Face to face: Beziehung kommt zustande, wenn ich zuhöre
Face to face: Beziehung kommt zustande, wenn ich zuhöre Hör zu! Lass sie ausreden! Unterbrich sie nicht! Ermahnungen dieser Art sind Legion. Sie ändern wenig. Wir haben uns an solche Ordnungsrufe gewöhnt. Insbesondere wenn wir in Rage geraten. Recht und Ordnung sind zu schwach, so scheint es, um Emotionen und Machtstreben zu zügeln. „Das Wort abschneiden“, allein diese Formulierung zeigt, wieviel Dramatik im Spiel ist. In der Tat gibt’s viel abzuschneiden. Wir denken und sprechen oft und gern in Monologen, in geschlossenen Argumentationsketten. Nur wer vorb in (inneren) Dialogen denkt, in pro und contra seiner Argumentation, gibt auch dem anderen Raum. Die Gewissheit, dass es noch andere Sichtweisen gibt, ist nicht zu verwechseln mit Meinungslosigkeit und Opportunismus. Im dialogisch angelegten Gesprächsbeitrag steckt eine Toleranz, die nicht mehr extra formuliert werden muss. So entsteht mit dem Zuhören Beziehung. Denn: Hören ist neben dem Tasten einer der ersten Sinne, mit denen wir miteinander in Kontakt kommen und Beziehungen aufbauen (Dörte Hinrichs, Dagmar Röhrlich, Christine Watty, Emily Thomey u.a. (06.09.2023): Zuhören lernen – wie geht das?,Dlf, (online)https://www.deutschlandfunk.de/aktives-zuhoeren-lernen-kommunikation-100.html. Aber auch später spielt in der Beziehung das Hören eine wichtige Rolle. Signale und Impulse wechseln im Millisekundenbereich zwischen Sender/Empfänger und Empfänger/ Sender hin- und her. Dazu kommt, meist unterbewertet: Die Frequenz. Auch wenn’s nur ein tierisches „mäh“ ist, das im Wesentlichen der Ortsbestimmung des Schafs dient. Die Frequenz muss so dicht getaktet sein, dass die Signale in Beziehung miteinander gebracht werden, so dass von Reaktion oder Antwort gesprochen werden kann. Auch die Frequenz ist ein Beziehungsbaustein. Zuhören kann man uns ansehen, ähnlich, wenn auch nicht immer ganz so auffällig wie beim Hörspezialisten Hund, der das durch Neigen des Kopfes, Aufstellen der Lauscher u.a. signalisiert. Nur in Ausnahmefällen des völligen Hingerissenseins dagegen sollten wir „an den Lippen der Sprecher hängen“. Ersparen Sie mir den Smiley. Aber gegen ein sachtes freundliches Nicken spricht nichts. Merken Sie? Wir sind beim Thema Zuhören und schon mitten im (inneren) Gespräch. Können Sie mir folgen? Hören ist sowohl eine persönliche Fähigkeit als auch eine gesellschaftlich-politische Kategorie. Den Bürgern zuhören ist heute ein fester Terminus im politischen Geschäft. Antwort von Politikern: Wir haben verstanden.
Face to face: Gespräch und Widerstand
Face to face: Gespräch und Widerstand Ein Reiseführer im wahrsten Sinne des Wortes ist: Sutterlüty, Ferdinand (2025), Widerstehen. Versuche eines richtigen Lebens im falschen. Hamburg. Es sind Besuche und Interviews, in denen Gesprächspartner zu Wort kommen, die im Widerstand gegen Mainstream-Positionen sind. Mein Überblick nimmt dies auf, sucht konkrete Situationen auf und meidet Etikette. Unter Gespräch wird sehr verschiedenes verstanden. Der entspannte ruhige Austausch ist oft das erste, das einem in der Assoziation am nächsten ist. Andere Begriffe zeigen, was dieser Vorstellung fehlt: Disput, Streit, Diskussion, Debatte. Auch der Begriff Spaltung fällt öfters. Unserer Gesellschaft ist wiederholt Gesprächsunfähigkeit bescheinigt worden. Kurze Geschichte des Schweigens: Nach Jahrzehnten der Sprachlosigkeit der Väter und Mütter nach Krieg und Holocaust, folgte der lautstarken Protest ihrer Töchter und Söhne und bis heute viele Protestformen und -inszenierungen. Eine Mehrfronten-Szenerie hat das dominante Pro und Contra abgelöst. Mehr oder minder geniale Gesprächsführungstipps helfen oft nur wenig. Gesprächsbereitschaft heisst mehr, nämlich, dass der andere vorkommt im Gespräch, und zwar nicht nur als Gegner oder Gegenüber. Der andere kommt vor, die andere Position kommt vor. In meinem Denken und in meinem Sprechen. Mit Martin Buber lässt sich von „Sprachdenken“ und „Denksprache“ sprechen (zitiert nach Werner, Hans-Joachim „Alle Türen aufsprengend“ – Martin Buber und das neue Denken in: Im Gespräch. Hefte der Martin Buber Gesellschaft. 76337 Waldbronn, Nr. 16, S. 13). Das eine muss im anderen vorkommen, soll es im Gespräch präsent sein, und das sogar in einer Kommunikation ohne Worte. All das bleibt uns verborgen, so lang Gebrüll, Beleidigung, Diffamierung in den Ohren klingen. Den verschiedenen Formen des Widerstands und Widersprechens ist der Soziologe Sutterlüty gefolgt. Seine „Reise“ zu Orten und Menschen macht klar, welche Bandbreite Gespräche heute haben können. Folgende Frage richte ich an Sutterlütys Text: Wo sind die Bruchlinien, an denen existentieller Widerstand (vergleichbar mit seismischer Aktivität) aufbricht und Gespräche mit grösserer Wahrscheinlichkeit offen und ergiebig werden. Ferdinand Sutterlüty, nennt seine Studie im Untertitel: Versuche eines richtigen Lebens im falschen. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ ist ein Verdikt Adornos nach dem Holocaust, das hier eine Folie darstellt für verschiedene Widerstandsmodelle. Modelle, die zu Lebensmodellen werden (vgl. Leggewie, Claus: Es gibt ein richtiges Leben im falschen. Rezension zu „Widerstehen. Versuche eines richtigen Lebens im falschen“ von Ferdinand Sutterlüty. https://www.soziopolis.de/es-gibt-ein-richtiges-leben-im-falschen.html). Hamburg 2025. Zu Lebensmodellen und damit auch zu Modellen der Kommunikation (Buber würde sagen: Gespräch). Widerstand äussert sich als Widerspruch gegen den Mainstream, die herrschende Meinung. Sämtliche Akteure dieser Modelle zeichnen sich dadurch aus, dass sie kommunizieren, ‚wo sie gehen und stehen‘. Kleinster gemeinsamer Nenner ist, dass sich viele Orientierungen unter diversen Etiketten (alternativ, künstlerisch, gewerkschaftlich, emanzipativ) „verstecken“ (Sutterlüty, 169) und somit zu Teilen eine „verdeckte Existenz“ des Widerstands (Sutterlüty, 203) führen. „Eine Reise zu diesen Menschen“ (Sutterlüty, 7) nennt Sutterlüty seinen Versuch, sich widerständigen Menschen zu nähern. Reisen ist das richtige Wort, denn diese Nischenbewohner sind oft an abgelegenen Orten zu finden. Sutterlütys Exempel: A.) Widerstand vor dem Hintergrund eines ehrenamtlichen und beruflichen sozialen Engagements (11ff.) Ein konfessionelles Engagement für Menschen in Not mündet in Tätigkeiten als Seenotretter und Flüchtlingsberater und dies neben einer hauptamtlichen Berufstätigkeit im sozialen Bereich. Sprachlich kommt Wut (15) zum Ausdruck, von der „Ohnmacht des Vertrauens“ (19) ist die Rede. Insgesamt eine Einschätzung, die den Erfahrungsraum mit deutlichen emotionalen Akzenten auslotet. B.) Widerstand vor dem Hintergrund prekärer Jobs insbesondere für Migranten (37 ff.) Sie ist Putzkraft mit migrantischem Vordergrund und kämpft für gerechte Arbeitsverhältnisse. Sie spricht mit jedem und bringt alles zur Sprache, was sie beschwert. Auch früher hat sie sich gewehrt gegen Lohnbetrug, ungerechtfertigte Kündigungen, unangemessene Massnahmen der Arbeitsagentur (54). Besonders dann geht sie auch sprachlich in die Offensive. „Haben Sie schon einmal bemerkt, dass Weiss auch eine Farbe ist?“ sagt sie und deutet an, dass sie „verdeckt“ mit der Gewerkschaft kooperiert (57/8). C.) Widerstand vor dem Hintergrund einer Künstlerinnen-Existenz; Fokus: Geschlechtsidentität (61 ff.) In ihrem Widerstand kommt der Reflexion ihrer eigenen Geschlechtsidentität eine besondere Rolle zu. Dazu kommt ihre Aktivität für „Körperdienstleisterinnen“, wie ihresgleichen. Zudem wählt sie Begriffe wie „politische Bürgerin“ „sozial Engagierte“: „Ich glaube an die Befreiung der Identität“ (65), was den Kampf für Toleranz, gegen Polarisierung und Kriminalisierung einschliesst. Im Vordergrund steht der Kampf für die Identität, aus dem sich ihr heftiger Widerstand gegen Unterdrückung ergibt. Fazit: Eine differenzierte Herangehensweise, die ihrer genauen Sprache entspricht. D.) Widerstand vor dem Hintergrund: Berufsschullehrer; Fokus: Subversive Grundhaltung (83 ff) Die Rigiditat des Bildungssystems unterläuft er durch eher beiläufige selbst- und systemkritische Anmerkungen („blöder Versuch“, „spiesserhafte Anschauung“ (97). Dabei zitiert er verbale Injurien aus dem Schüleralltag (89), um den negativen Kontext Schule darzustellen. Im Kontrast dazu erarbeitet er mit den Schülern selbstermächtigende Sätze: „Wenn jemand Hilfe will, nimmt er sie sich schon“ oder: „Ich brauche Hilfe und ich möchte sie von Ihnen haben“ (90). Grundsätzlich meidet er Etikette wie ‚schwach‘ oder ‚zurückgeblieben‘ und spricht dagegen von „reduzierten“ Schülern (91). Auch eher informelle, umgangssprachliche Ausdrücke meidet er nicht und sieht in „schlagfertigem Sprachgebrauch“ und „ironischer Distanzierung“ (103) durchaus Startrampen für gesellschaftliche Teilhabe und Mitreden. Ähnliches gilt für seine Einschätzung von Technikfolgen: So äussert er sich über KI wie folgt: „Die dumme KI wäre nie auf den Gedanken gekommen, einen Menschen um Rat zu fragen“ (102). Generell fängt er durch seine relativierende Ausdrucksweise Widerstand gegen sich und seine offizielle Rolle als Lehrer auf. Ein Verhalten, das Aktivitäten und Reaktionen seiner Schüler Raum gibt und herausfordert. Erstaunlich sind die Gestaltungsmöglichkeiten durch Sprache auch in einer Institution wie der Schule. Nicht zufällig kommen auch die vielen verbalen Übergriffe, die Schüler oft erleben, zur Sprache. Fazit: Für Gesprächsteilnehmer bestehen oft unberücksichtigte Spielräume. E.) Widerstand vor dem Hintergrund: Beamtin contra Diskriminierung (105 ff.) Forstbeamtin,seit kurzem politisch aktiv, kämpft gegen Diskriminierung, auch auf dem Dienstweg. Ihre emotionale Reaktion gegen die offensichtliche Bevorzugung eines Kollegen bei der Beförderung unterdrückt sie dabei nicht. Sie glaube „dass es mich einfach krankmachen würde, wenn ich nichts täte“ (110). Die persönlichen wie auch die fachlichen und politischen Kontroversen nehmen zu. Sie diskutiert mit dem Chef, kann die Zurücksetzungen und Verwundungen, über die sie offen spricht, aber nicht verwinden, sie „zicke“ (120). Ihrer Wortwahl
Fundgrube: Martin Bubers Einsatz für interkulturelle Pädagogik
Fundgrube: Martin Bubers Einsatz für interkulturelle Pädagogik Dieser Blog-Beitrag fusst auf dem Artikel von Martin Buber: Bildung, Menschenbild und Hebräischer Humanismus. Erschienen zusammen mit Bubers unveröffentlichter deutschen Originalfassung des Artikels „Erwachsenenbildung“, Hrsg. Martha Friedenthal-Haase Paderborn München 2005; online in: https://download.digitale-sammlungen.de . So wie sich Buber zitieren lässt mit der Aussage, er habe keine Lehre, lässt sich auch sagen, er habe keine Pädagogik. Dazu eine weitere Parallele: Zur Interreligiösität, eine Beschreibung, die bei Buber eine wesentliche Rolle spielt, gesellt sich hier Interkulturalität. Auch hier wird mit dem Praefix ‚inter‘ die Perspektive des ‚Zwischen‘ und damit auch des Dialogs gewählt. Standen in der Pädagogik in den 70er/80er Jahren u.a. Konzepte der Entschulung (Iwan Illich) und der Pädagogisierung von Kindheit (Philippe Ariès) im Mittelpunkt, sind es in diesem Text Bubers die Unterrichtenden, die über das entscheiden, was Pädagogik ausmacht. „Nicht der Unterricht erzieht, aber der Unterrichtende. Der gute Lehrer erzieht mit seiner Rede und mit seinem Schweigen, in den Lehrstunden und in den Pausen, in beiläufigem Gespräch, durch sein blosses Dasein, er muss nur ein wirklich existenter Mensch sein und er muss bei seinen Schülern wirklich gegenwärtig sein; er erzieht durch Kontakt“ (ebd. 241). Sätze, die an Kompromisslosigkeit und Unbedingtheit nicht zu überbieten sind. Und eine radikale Kampfansage an eine Pädagogik, in der die Methodik ganz vorn rangiert. Unterfüttert wird die Betonung von Methodik und Planung in der Regel mit einer Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse aus (u.a.) Entwicklungspsychologie, Medizin, Soziologie. Die Verwissenschaftlichung der Pädagogik korrespondiert mit der Durchdringung so gut wie aller gesellschaftlichen Bereiche durch Wissenschaft. Dem steht, wie Buber betont, nach wie vor eine erfahrungsbasierte Pädagogik gegenüber. Wissenschaftsbasierte Pädagogik hier – Erfahrungs’wissenschaft‘ Pädagogik dort, so stellt sich Pädagogik heute dar, so wird sie praktiziert, so wird sie erlebt. Nur so lässt sich auch von interkultureller Pädagogik sprechen. Angesichts dieser Lage gibt’s keinen ‚Quereinstieg‘, es gibt nur verschiedene Schwerpunkte. Dies heisst auch, dass ein einseitig technisch-wissenschaftlich basiertes Pädagogikmodell nur teilweise den Anforderungen angemessener Problembewältigung gerecht wird. Es fehlt eine explizit humanistisch orientierte Pädagogik, die weltweit Relevanz beanspruchen kann. Oft nämlich dominiert in familiären oder familienähnlichen Beziehungen ein intuitives Vor- und Nachmachen, das nicht selten in berufliche Ausbildung mündet. Dem Lernen in personalen Beziehungen kommt also weiterhin auch in Zukunft eine herausragende Bedeutung zu. Wie seht unser Lern-Alltag aus? Wir lernen aus Radio, Internet und Social Media, Unterrricht, Online-Tutorien, wir ununterbrochen, nennen es aber meist Information. Entpädagogisierung ist etwas, das schon längst stattgefunden hat. Solches Patchwork-Lernen passiert den ganzen Tag. Unser Alltag gleicht einer Collage aus formellen und informellen, offiziellen und persönlichen Elementen. So schaffen wir uns unsere pädagogische Welt. Als Inhaber einer Professur für Sozialpsychologie gründet Buber eine Einrichtung für Erwachsenenbildung an der Hebräischen Universität in Jerusalem: „Die VHS (Volkshochschule, JPK) ist auf der Intensivierung des Kontakts zwischen Lehrer und Schüler aufgebaut, – auf dem dialogischen Prinzip; Dialog von Fragen und Antworten, beiderseitigen Fragen und beiderseitigen Antworten, Dialog in gemeinsamer Betrachtung einer Wirklichkeit, Natur oder Kunst, oder gemeinsamer Ergründung eines Lebensproblems, Dialog des echten Beisammenseins, wo die Pausen des Gesprächs nicht weniger dialogisch sein können als die Rede“ (ebd. 241). Auch hier schlägt Bubers Dialogphilosophie durch, die in seinem Diktum gipfelt: Erziehung sei Wandlung durch Entfaltung (ebd. 241). Für methodische Dominanz ist da wenig Platz. Allerdings konzediert Buber, dass der Erziehungsarbeit zunächst die Begriffsklärung vorauszugehen hat, die wiederum Voraussetzung für Neugestaltung und Aneignung der Grundlagen ist (vgl. ebd. 242). Die Konsequenzen, die Buber auch für die Pädagogik zieht, spiegelt last not least sein eigenes Leben im Exil, wenn er von einem „Mutterland“ spricht (ebd. 244), zu dem sich die einzelnen Exil-Schicksale vereinen Buber geht soweit der „zentrifugalen“ die „zentripetale Besiedelung“ gegenüberzustellen (ebd. 244), was ‚mit von der Peripherie zum Zentrum‘ übertragbar ist. Eine treffende Beschreibung auch des Binnenklimas multikultureller Gesellschaften ist das, zumal eine, die nicht bei Negativbilanzen stehen bleibt, sondern positive Aspekte nennt. Dies erinnert an John Dewey (1859 – 1952), dessen Erziehung zur Demokratie in den USA auf den Fundamenten von Kommunikation und Erfahrung beruht, damit auf ähnlichen Prinzipien wie die von Buber, dessen Pädagogik auf Integration diverser (ethnischer) Populationen abzielt. Fazit: Wir brauchen beides: Erfahrungswissenschaft Pädagogik und naturwissenschaftlich abgesicherte Pädagogik. Eine technisch-wissenschaftliche Orientierung allein wird nicht ausreichen. Es braucht intuitiven Zugang zu Bildung und humanistischem Menschenbild. Buber formuliert das in säkularer, aber auch in spiritueller Sprache, wenn er zu „ewigen Werten“ erziehen will (ebd. 246). Martin Buber schwebt dabei ein „Volkslehrer“ nach Lasalle vor (ebd. 247) meinen die Herausgeber Martha Friedenthal-Haase und Ralf Koerrenz dieses erst 2005 veröffentlichten Artikel Martin Bubers. Angesichts aktueller gesellschaftlicher Spannungen wie der sehr berechtigten Klage, es fehle am Gespräch, ist Bubers interkulturelle Pädagogik gerade heute unverzichtbar.
Geysprächsführung: Zuhören
Gesprächsführung: Zuhören Ein Gespräch beginnt mit Zuhören. Das kommt einem so selbstverständlich über die Lippen, dass es leicht überhört wird. Hören, hinhören, zuhören ist ein Dreiklang. Vielleicht ist etwas zu leise, kommt von unvermuteter Seite. Ich muss dann hinhören, sozusagen mit den Ohren suchen. Tiere können das ablesbar gut, stellen die Lauscher auf, nehmen Witterung auf. Menschen ist das weitgehend abhanden gekommen. Nur dann und wann „leihen wir ein Ohr“. Kurz und zeitweilig, versteht sich. Sich vorbeugen und (mit einem Ohr) sich dem Gesicht des anderen zuwenden, das gibt es, kommt aber vergleichsweise selten vor. Hab ich die Quelle des Hörenswerten endlich gefunden, höre ich zu: D.h. ich folge dem Sprachfluss, bekomme die Nuancen mit, ziehe Schlussfolgerungen, was den Sinn angeht. All das fällt uns meist schwer, weil wir die Antwort schon im Kopf haben. Jedes Wort, jedes Argument parieren wir. Schlag auf Schlag. Und dabei überhören wir die Zwischentöne, kriegen den Wechsel der Argumentation nicht mit. Je länger ich aber tatsächlich zuhöre, desto deutlicher mischt sich meine innere Stimme ein und kommentiert das Gehörte. Wer da nicht zuhören mag, mag auch sich selbst nicht zuhören. Noch dazu: Nicht nur Menschen auch der Natur und Technik kann man zuhören. Ihre Sprache ist dem Menschen verständlich, einmal sind wir Teil der Natur und zum anderen haben wir die Technik ja selbst konstruiert, ja erfunden. Bislang aber führen wir eher Monologe als Dialoge. Dialog bedeutet hier: sich einlassen auf … . Gemeint ist also weder abergläubisches Raunen noch senstionslustiges Reingeheimnissen, das dient nur der (Selbst-) Bestätigung. Es gilt: Wir hören nur, was in uns Entsprechung findet. Denn: Wir hören nicht nur mit den Ohren, sondern vor allem zwischen den Ohren d.h. mit dem Hirn. Da tickt das Ohr nicht anders als das Auge. Koordination und Auswertung liegt beim Gehirn. Wenn wir andere hören, heisst das, wir begegnen anderem Denken, gleichen das ab mit unseren (neurologischen) Denkstrukturen. Sollten wir tatsachlich auf diese Weise zuhören, werden wir hören, was wir noch nie gehört haben. Hinhören und zuhören macht den Unterschied. Wir hören, weil wir uns angesprochen wissen. Buber ist Verfechter des Gesprächs, also des mündlichen, des gesprochenen Worts. Auch das kann man leicht überhören. So ein Gesprach funktioniert als Matrix, als Struktur, als Schema, das Verstehen ermöglicht, erst recht deshalb, weil hier das Spektrum an Einflussfaktoren ungleich breiter ist als in der schriftlich gefilterten Ansprache. Da kommen wir also nicht raus: Bubers Anspruch begnügt sich nicht mit verständnisvollen Formulierungen. Wir müssen rein in die Situation, in die Gesprächssituation. Zumindest müssen wir sie anbieten. Dies erst leuchtet die Selbstdefinition und gegenseitige Definition der Gesprächsteilnehmer weitestmöglich aus. Oben finden sich schon Zusmmenfassungen zum Thema Gesprächsbereitschaft, auch hier ist eine, gewiss nicht die letzte: angesprochen werden – innere Zwiesprache – gesprächsbereit sein – was widespricht/nicht eigenen Positionen? – antworten
Gesprächsführung: Wie kommt man ins Gespräch?
Gesprächsführung: Wie kommt man ins Gespräch? Zunächst dadurch, dass ich dem anderen, dem Gesprächspartner, gegenübertrete. ‚Aug in Aug‘ sagt der Volksmund. Dies Gegenübertreten ist entscheidend. Ich nehme den Anderen in seinem Gesamtbild wahr. Dann kann der Andere schrumpfen in meinen Augen oder auch an Statur gewinnen. Je mehr ich vom anderen wahrnehme, desto mehr sehe ich von mir in Ihm. „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Dies Gegenübertreten liegt oft schon vor dem Gespräch. Nur im Denken freie Menschen können das. Freie Menschen treten anderen anders gegenüber als unfreie. Eine Überzeugung ist das, die vor der Argumentation stattfindet. Wie ich dann formuliere, die Worte setze, hat damit zu tun, dass ich in denen, die es lesen, Menschen sehe, die sich umfänglich von mir angesprochen sehen. Diese Wahrnehmung, die im Gegenübertreten entsteht, ist entscheidend, dann kommt erst das jeweilige Thema, die Gesprächsmethode, die Psychologie, soziale oder philosophisch-ethische Gesichtspunkte. Das macht Buber zu einem Vor-Bild und Partner. Wir finden unsere Vor-Stellungen wieder. Dabei wissen wir aus Erfahrung: Darunter könnten auch Projektionen sein. Diese enttarnen sich allerdings weil sie letzlich keine Resonnanz finden, in uns oder im Gegenüber. Entsteht aber Resonnanz, kommt es zum Dialog. Das heisst: Mich interessiert etwas am Anderen, ohne dass ich immer genau weiß, was. Dadurch kommt es vielfach erst zur Sprache: Angesprochen werden – gemeint sein – innere Zwiesprache – äussere Zwiesprache also Dialog. Eine Sprache formt sich in uns – misst den Worten bestimmte Bedeutung zu. Es entsteht ein Dialog zwischen den an mich herangetragenen Bedeutungen und meinen Auffassungen.
In der Religion sind Juden + Christen Geschwister
In der Religion sind Juden und Christen Geschwister Aus religioes unberufenem Munde erschallt immer wieder der Ruf nach Einheit. Tatsächlich aber tut man alles, dadurch dass der Mensch sich konfessionell in die Brust wirft, um Einheit gar nicht erst zustande kommen zu lassen. Dabei sind wir doch Geschwister! Wir kommen aus einem Haus, dem Judentum. Die Visionen und Verheissungen christlicher Prägung beziehen sich auf die gemeinsame Schrift, die wir Bibel nennen. Um es tiefer zu hängen: Wie Geschwister, die einen Vater haben, rangeln wir um die Liebe Gottes Indes: Vollmundige Erklärungen gibt es zuhauf. Was fehlt: das Ende des Brudermords und Frieden. Aber es ist wie unter Geschwistern in einer Familie. Unversöhnlich tritt man sich, wo immer es geht, in die Hacken. Keine Religion hängt die Liebe höher und hat doch während der letzten 2000 Jahre eine Blutspur des Hasses hinterlassen. Heisst das: Unsere Zukunft ist unsere Vergangenheit? Ja, das heisst es. Und damit die Verheissungen auch wahr werden, braucht es jetzt mehr als Erklärungen. Die können andere auch. Wir aber sind Verwandte! Unsere Hoffnung wird durch Menschen verwirklicht. Dieser Artikel kommt ohne Zitate von Martin Buber aus. Dafür ist der ganze Artikel ein Zitat. Apropos: Muslime und alle und viele andere kommen hier nicht vor. Buber hat sich aber schon ganz zu Anfang seines Schaffens dem ganzen religiösen Kosmos, z.B. dem chinesischen zugewandt. Buber war Wissenschaftler aber auch durch Biografie und Leiden ein persönlich zutiefst Berührter. Kein Zitat, sagte ich. Dafür hier alle auf einmal: Albert Raffelt, Das Jesusbild Martin Bubers , Buber_bibliothek.pdf, Foxit PDF Reader