Ideenküche Welcome!
Ideenküche Welcome! ‚Ideenunternehmer‘ sind gefragt, wenn uns Transformationen und Aufbrüche in Atem halten. „Lösungs- und Problemunternehmer“ aber sind gebunden an die Rahmenbedingungen innerhalb derer sie Probleme lösen. Zudem wird die „unüberwindliche Komplexität“ der Gesamtsituation zum Hindernis (vgl. Marc Molders, Die Weltverbesserer Dlf). Barrieren im Einzelnen: Generell sind technologische und organisatorische Strukturen für sich also wenig geeignet, wirksam ‚ins Rad‘ zu greifen. Das ist laut Marc Molders eher möglich durch eIne „Alchemie“ aus „Ausdruck, Andeutung, Verbindung, Emotionen, Geschichten, Lebensvorbildern“. (Marc Molders, Die Weltverbesserer Wie Organisationen um die Lösung großer Krisen konkurrieren Dlf [02.02.26] Essay und Diskurs). Ein interessantes Wort in diesem Kontext: Alchemie. Molders meint damit chemische Verbindungen, die nicht kausal eindeutig rückführbar sind und schon dadurch zu einer „Denkreise“ einladen (Marc Molders a.a.0.). Für Molders sind dies „Methoden des Ideenunternehmers“, die fundamental Menschliches zum Ausdruck bringen. Denn der Mensch wird dadurch selbst zum Werkzeug. „Ideaplex“ nennt das Molders mit einem an Cineplex erinnernden Begriff, wenn Prozesse der Ideenfindung mit deren Verbreitung zusammenschmelzen (Molders a.a.O.). Folgen Sie mir bitte in die Küche! Wir müssen nicht den Begriff der wissenschaftlich fundierten Molekularküche bemühen, der explzit auf biochemischen und physikalisch-chemischen Prozessen aufbaut, wie das Restaurant EL BULLI (vgl. http://kuirejo.de/tag/el-bulli/). Es genügt ein Blick in die Standardküche von heute. Wo’s kocht, gart, schmort und dampft. Wo die Sinne selbst das Ergebnis kommentieren. Wo Geist und Geschmack auf der Zunge ‚zergehen‘. Wo Eingelegtes Unausgegorenes, Unverfrorenes einzigartige Symbiosen eingehen. Wo der Mensch alles Mögliche, nicht nur seinen Senf, dazugibt. Wo Ideen munter gemixt werden und beim Kochen und Abschmecken ständig neu entstehen. Trotzdem: Sieht das nicht etwas komisch aus, auf dem Teller? Der philosophische Ansatz neben der Novelle Creative Cuisine! Alles erlaubt! So schallt es uns aus der Küche entgegen. Martin Bubers Votum für das Gespräch als Prozess wird im Küchen-Alltag praktisch erfahrbar. Gespräch ist für Buber aktiver Teil der Lösung, nicht nur sprachliche Begleitung. Bubers Gesprächsphilosophie, die sein Gegenüber ernstnimmt, bietet ein weites Feld an Themen und Anhaltspunkten. Buber hat, launig formuliert, „in jeden Topf“ geguckt. Das Gespräch, die mündliche Äusserungsform, erweist sich dabei als nicht ersetzbar. Das gilt gerade in der Demokratie: Spontane Beiträge, zündende Gedanken, strukturiert zur Diskussion Gestelltes prägen Gesprächsklima, -verlauf und -dynamik. Wer daran Zweifel hat, hat Zweifel am Beziehungscharakter des Gesprächs. Welcher Einwand wird zum Gamechanger? Welche Worte verändern schlagartig das Gesprächsklima? Aus Bubers Gesprächsverständnis wird seine ethisch-moralische Begründung sichtbar, auch wenn er sich die Formulierung „Moralische Tatsachen“ (Markus Gabriel) als Ausdruck eines „moralischen Realismus“ nicht zu eigen machen würde (vgl. https://www.chbeck.de/gabriel-moralische-tatsachen/product/38808808). Buber bietet den grösseren Rahmen eines (interreligiösen) Humanismus ohne sich konfessionell festzulegen. Und was heisst das jetzt für den kreativen Ideenkoch? Gerade Lust und Anregungen zählen. Kontraste schärfen das Geschmackserlebnis und bringen die Geschmacksmodule auf Trab. Nur, wenn’s die Verträglichkeit arg strapaziert, erlaubt sich der Autor eine Manöverkritik. Die Rezeptvorschläge bleiben allen zugänglich und berechtigen zu den schönsten Kreationen! Ideen kommen. Sie kommen auf uns zu. Es denkt sich gut in Gesellschaft! Wider die Einsamkeit der Einhörner! Lang leben die „Communicorns“ (Molders a.a.O.) !
Face to face: Walter Benjamin-Messias contra Apokalypse
Face to face: Walter Benjamin-Messias contra Apokalypse Zum 2. Mal also Walter Benjamin. Das 1. Mal war vom Abschied die Rede [Mein Beitrag: Übergangszone und Grenzgebiet: Küste. Walter Benjamin, Gedächtnis der Namenlosen https://mb-today.de/moseskorb/). Jetzt, in diesem Beitrag, ist Wiederkehr das Thema und ein nicht-linearer Zeitbegriff (https://mb-today.de/moseskorb/). Benjamin kritisiert damit die bürgerliche Geschichtsschreibung derzufolge „die Geschichte der Menschheit ein evolutiver Prozess ist, stetig nach vorn laufend“ (Christian Modehn, Walter Benjamin und der Messias; https://religionsphilosophischer-salon.de/keys/walter-benjamin-und-der-messias). Dieser linear gedachten Zeit stellt Benjamin das „Eingedenken“ gegenüber, das an einzelne tiefer gehende Erfahrungen und Erlebnisse anknüpft, was ein anderes Geschichtsverständnis zur Folge hat, eines, das mit Hoffnung auf Erlösung, eben dem „messianischen Gedanken“, zu tun hat (Modehn a.a.O.). In ihm kommt zum Ausdruck, dass Benjamin von der „Steuerung“ des undogmatischen „historischen Materialismus“, dem er anhing, durch eine der jüdischen Heils- und Messiaserwartung verbundenen Hoffnung ausging (Modehn a.a.O.). Dies ist mithin die Gegenthese zur weit verbreiteten Vorstellung einer unentrinnbaren apokalyptischen Endzeit, der wir entgegengehen. Ich selbst erinnere mich an einen plakativen Fortschrittsglauben, angefacht durch Bildbände, wie Die Wunderbare Welt, passend als Weihnachtsgeschenk für Jugendliche. Phantasien, wie die Zukunft aussehen könnte, wurden vereinnahmt als die Zukunft, und das gegenüber einer Bevölkerung, hinter der lange Geschichte von Not und Kriegen lag. Die Enttäuschung war umso grösser. Sie befeuerte apokalyptische Vorstellungen darunter viele Verschwörungstheorien. In Walter Benjamin, aus einer assimilierten jüdischen Familie des Berliner Großbürgertums stammend, lebte die jüdisch-christliche Hoffnung auf den Messias, die allen Menschen galt. Benjamin interessierte sich für „allegorische“ Bilder“ wie beispielsweise das „bucklicht Männlein“, ein Bild für unansehnliche, abgelehnte Triebkräfte, die aber die Dynamik des Geschichtsprozesses versinnbildlichen. Ein anderes Bild für sich als Philosoph fand Benjamin im „Lumpensammler“ , der „Redelumpen und Sprachfetzen“ aufspiesst, um sie unter den Stichworten ‚Menschentum‘, ‚Innerlichkeit‘, ‚Vertiefung‘ seiner Sammlung hinzuzufügen (Astrid Nettling, „Ich pflücke Blumen am Rande des Existenzminimums“ DLF (26.09.2010). Direkter kann man Kritik an den „Meisterdenkern“, denen es zuerst um Systematik und System geht, kaum formulieren (André Glucksmann, Die Meisterdenker Reinbek bei Hamburg 1978). Das „bucklicht Männlein“ war für Walter Benjamin zunächst der zeitgenössische Sozialismus. Bemerkenswert ist, dass dieser Sozialismus für den `Undogmatiker´ Benjamin hier zum Träger einer positiver Geschichtsdeutung wird. Mit dogmatischem Glauben hat das nichts zu tun. Es geht nicht um ein Lehrgebäude, sondern den „Spalt, durch den der Messias eintritt“ und der aus einer „totalen Gegenwart“ führt (Hans-Willi Weis, Hubertus Thomasius: Der kleine Spalt, durch den der Messias eintritt kobinet-nachrichten Kolumne (15.12.2023); https://kobinet-nachrichten.org/2023/12/15/der-kleine-spalt-durch-den-der-messias-eintritt).
Face to face: KI, eine Frage der Wahrheit, die sich allen stellt, die mit ihr arbeiten
Face to face: KI, eine Frage der Wahrheit, die sich allen stellt, die mit ihr arbeiten Die KI simuliert ein Gespräch/Dialog. Du fragst sie. Da stellt sich vor allem eine Frage: Ist es die richtige? Fragen geht ihnen etwas voran: Ein Eindruck, eine Behauptung, eine Wissenslücke. Die KI gibt Antwort, du stellst Fragen. Vielleicht statt der, die dich wirklich umtreibt. Im intensiven Gespräch nähert man sich der Wahrheit. Keiner hat völlig und grundsätzlich recht. Der Anspruch auf Wahrheit wird im Dialog-Prozess konkretisiert und durchgefochten. Franz Rosenzweig, Philosoph und kongenialer Partner von Martin Buber, sagt über das Gespräch , es „weiß nicht im voraus, wo es herauskommen wird; es lässt sich seine Stichworte vom andern geben“ (Rosenzweig zitiert nach Volker Demuth: Heiteres Mäandern. Über Vorzüge des geschwungenen Lebens. DLF (14.12.2025); https://www.deutschlandfunk.de/heiteres-maeandern-100.html). „In jedem Moment kann es irgendwo Anstoß und eine andere Richtung nehmen. Gespräche schlingern, schwingen, mäandern, was einen linearen Ablauf ausschließt … .“, so Demuth weiter (Demuth o.a.O.). Damit wird klar, warum viele von uns um Gespräche „einen Bogen“ machen. Es ist zu unberechenbar. Es kann eine Wendung nehmen, die einem nicht gefällt. Man wird ertappt. Oder fühlt sich jedenfalls so. Mit der KI kann es ähnlich sein. Anfangs fasziniert die Eindeutigkeit, aber die ist oft vordergründig und unbeständig, gebunden an den KI-Anbietert noch dazu den Zeitpunkt der Abfrage. Deshalb nenne ich bis auf weiteres KI, Künstliche Intelligenz, auch gKI, gesamtkünstliche Intelligenz. Weil nicht nur Details gefälscht, sondern das ‚Gesamtbild‘ verfälscht wird. Das umfasst dann die Identität der Personen, weiter die Bedingungen, unter denen es geschieht somit alle Details mit Aussagekraft. Sprich: die Gesamtaussage. Schon allein deshalb ist der Umgang mit der KI eine Frage der Wahrheit. Jeder muss für sich entscheiden, wo Fälschung und Lüge letztlich das Gesamtbild verfälschen. Weder Verharmlosung noch Dämonisierung ist die Lösung. Aber es gibt die Chance, die Sensoren der Wahrnehmung so zu verfeinern, dass wir reale Bedrohungen registrieren ohne Gefährdungen zu dramatisieren. Die vier Risikostufen des EU AI Act (Artificial Intelligence Act) von minimal über gering, hoch bis unvertretbar bedürfen ständiger Feinjustierung. Warum werden Fälschungen und Verfälschungen für uns überhaupt zu einem solchen Problem? Vieles liesse sich unproblematisch klären. Interesse an einer Lösung und eigener Vorteil stehen Pate. Es ist der Wunsch, etwas Besonderes zu sein und darzustellen, „der Wunsch, etwas Besonderes zu besitzen“ heisst es im Kommentar über den „genial-erfolgreichen Bilderfälscher Wolfgang Beltracchi. Einen Campendonk, Max Ernst, Fernand Léger, Max Pechstein fälschte er über Jahrzehnte so perfekt, dass er gar nicht wusste, wohin mit den Millionen (True Art Crime – Verbrechen in der Kunst Film von Corinna Hobig, Ole Siebrecht 3sat 2025, https://www.zdf.de/play/dokus/true-art-crime–verbrechen-in-der-kunst-movie-100/true-art-crime-verbrechen-in-der-kunst-100). Kein Experte hat es gemerkt. Ein Vorgang, der nur durch einen Akt „visueller Empathie“ erklärbar ist. Solch ein Bild, das in puncto Wahrheit verführen will, auch immer wieder verführt hat, ist die Zukunft. Aber warum handeln wir so? Eine Antwort: Wir wollen zu gern glauben, dass dies oder jenes die Zukunft ist. Und übersehen die „kleinen“ Webfehler. Hinterher ist dann klar: Wie konnte ich! Oder: Ich versteh mich selbst nicht.
Face-to-face: Charlie
Face-to-face: Charlie Wir kennen den Clown Charlie. Den mit den riesigen Schuhen, dem Stöckchen, dem Bärtchen und der Melone. Kinder kennen ihn. Kinder lachen über ihn. Wie sie im Zirkus lachen. Der tolpatschige Clown wird fortan begleitet vom gewitzten Clown, der Autoritäten narrt, ihnen immer wieder entwischt, und sei es durch die Lücke im Lattenzaun. Erwachsene kennen dann auch den sozialkritischen Charlie, der mehr Opfer als Täter ist, und durch die Mühle der industriellen Arbeitsverhältnisse gedreht wird. Der politische Charlie schliesslich findet sein Gegenüber ausgerechnet im grossen Diktator Hitler. Den Protagonisten der Rassentrennung karikiert er in seiner ässerlichen Ähnlichkeit mit der Figur Charlie. Was für Charlie mutige Anverwandlung ist, ist für den grossen Diktator todeswürdige Anmassung. Aus dieser Handlung des Films tritt Charlie Chaplin mit einer Rede heraus, die über die Massen bekannt, ja berühmt, wurde. Er hält diese Rede als jüdischer Friseur, der mit dem Diktator verwechselt wurde. (Text: https://weites.land › der-grosse-diktator-die-beruehmte-rede-charly-chaplin; Youtube Schlussrede Der grosse Diktator). Gleich zu Anfang die Sätze: „Wir wollen nicht hassen und uns nicht gegenseitig verachten. In dieser Welt gibt es Raum für alle, und die gute Erde ist reich und vermag einem jeden von uns das Notwendige zu geben.“ In aller Direktheit packt Charlie so die Stiere Hass und Neid „bei den Hörnern“, so dass auch Kinder es verstehen. Chaplin war Medienprofi. Wenn er Armut (Hunger) und Mitleid (Blumenmädchen) thematisiert, scheut er die sozialromantische Darstellung nicht, überspielt sie andererseits aber auch und macht aus dem Hungerleiden eine Feinschmeckerszenerie. Chaplin beherrscht die Mittel und Mechanismen der künstlerischen Darstellung. In der Doppelrolle Friseur und Nazi steigt er diesen beiden Rollen aus. Gerade der doppelte Ausstieg macht ihn glaubwürdig und befreit die Rede von aller Professionalität. Chaplin hat den Film selbst finanziert.
Face to face: Václav Havel – Experte in Sachen Wahrheit
Face to face: Václav Havel – Experte in Sachen Wahrheit Der Politiker und Dissident Vaclav Havel war wie wenige in der Lage, den Charakter von Wahrheit am Beispiel seines eigenen Lebens zu demostrieren. Wie kam es dazu: 1. Havel engagiert sich politisch. Er hat es mit ideologisch begründeter Politik zu tun. Er entzieht sich der politischen Realität nicht, leistet aber Widerstand. 2. Havel engagiert sich persönlich. Das bezahlt er mit Freiheit und Erfolg. 3. Dabei reicht die Spannbreite seines Denkens bis ins grundsätzlich Philosophische. Die Wahrheitsfrage ist für Havel keine hypothetische, sondern eine Gewissensfrage. Denn Ideologie hat zwar in unserer Gesellschaft heute ihren Herrschaftsanspruch verloren, letztlich spielen ideologisch begründete Motive, ob kapitalismuskritisch oder rechtsautoritär, nach wie vor eine Rolle. Fällt die Begründung auch verschieden aus, Überzeugungen bleiben ‚tragender‘ Teil des demokratischen Engagements. Václav Havel wurde in Aushilfstätigkeiten gedrängt, doch ihm „gelang es, die Schere zwischen zugewiesener sozialer Rolle und selbst bestimmter Identität zu schließen“, (https://deutsch.radio.cz/des-kaisers-neue-kleider-vaclav-havel-und-das-leben-wahrheit-8579214). Über Jahre publizierte und arbeitete er im Untergrund, kam für vier Jahre ins Gefängnis, aber er gewann so das Vertrauen derer, die ihn schliesslich zum Staatpräsident wählten. (ebd.) Der folgenden Betrachtung liegt ein Audio-Dokument zugrunde, das Havels historische Rede als gewählter tschechoslowakischer Präsidentüber Lügen und Wahrheit von 1989 auf Deutsch nachzeichnet (Lügen und Wahrheit von Václav Havel – https://www.youtube.com). Havel argumentiert hier systemimmanent und weist das Faktum der Lüge im System nach. Dazu bedient er sich zunächst der optischen Anschauung, die zwar selektiv aber allgemein zugänglich ist, wie Havels Blick auf Industrie- und Wohnwüsten zeigt. Sein Schluss, Totalitarismus sei im Kern verweigerte Wahrnehmung, wird so verstehbar. Die Zuhörer können daher auch etwas anfangen mit Havels Schlussfolgerung, diese Verweigerung färbe negativ ab auf die Moral, blockiere das Offenbaren der Missstände und verkehre letztlich die Deutungen und Begriffe in ihr Gegenteil. Daraus wird deutlich: Das Etikett ‚ideologiekritisch‘ für Havel greift zu kurz. Es geht Havel nicht einfach um Ideologie, es geht ihm um das Erblinden durch ideologische Begriffe und Konstruktionen. Nicht zuletzt deshalb, weil diese auf einem höherem Niveau der Abstraktion stattfinden wie die auf einfacher Anschauung basierenden Begriffe. Aber auch diese sind keineswegs frei von Wahrnehmungsverzerrungen. Mit wachsender Entfernung vom Anschauungsobjekt nehmen in der Tat Verkennungen der Wirklichkeit, vulgo Blindheit zu. Naheliegend ist das, wenn Begriffe und Realität sich frontal widersprechen. Weil heutzutage ganz offen auch Fakten erfunden werden (Fake News), ist Wahrheit nicht nur von der Begriffs- sondern auch von der Faktenseite her bedroht. Havels Antwort darauf lautet: Widerstand leisten durch Beteiligung und Bezogensein aufeinander. Die Bereitschaft, sich zu befreien, bleibe nämlich auch dann vorhanden, wenn sie lange verschüttet war (ebd.). Beteiligung aktiviere Freiheit. Respekt voreinander käme als weiterer Effekt hinzu. Dieser Gedanke hat aus meiner Sicht eine aktuelle Konsequenz: Statt stetem Beschwören des Unheils bietet sich als Alternative ein realistisches Registrieren von Niederlagen aber auch von Siegen bspw. in demokratischen Wahlen an. Wie jeder Wert lässt auch Wahrheit Erkenntnisse zu, die sich nicht unmittelbar erschliessen. Janusz Korczak, polnischer Pädagoge, spricht von der „Würde der Lüge“ und erzählte seinen Schützlingen auf dem Weg ins Konzentrationslager von blühenden Wiesen und Wäldern (ebd.). Ein Motiv, das ich auch im Film Jakob der Lügner finde (DEFA 1974, 1999). Das bedeutet: Selbst in seiner offenen Verkehrung ist der Wert Wahrheit in der Lage, Substanz zu offenbaren, auch wenn sie den eigenen Begriffshorizont übersteigt.
Face to face: Giorgio Agamben oder die Freiheit zu denken, wie und was man will
Face to face: Giorgio Agamben oder die Freiheit zu denken, wie und was man will Am Anfang der Erkenntnis steht die Frage. Also auch am Anfang der Wissenschaft. Die Fragen entwickeln sich im Leben. Lebenswelt und Wissenschaft verweben sich permanent. Einige Beiträge vorher sprach ich von ‚Patchwork‘. Ein Begriff, der auch für die Systematik von Kunst und Wissenschaft passt. Auch die hat sich im Lauf der Zeit geändert. So sehr, dass dies als Deutungsrahmen für Erkenntnisse und Aussagen heute von Belang ist. Das ist auch abzulesen am Verständnis von Wissenschaft, wie es der Philosoph Giorgio Agamben formuliert (Kurt Appel, Die Wahrnehmung des Freundes in der Messianität des Homo sacer. Geschichtstheologische Überlegungen nach Giorgio Agamben. Uni Tübingen https://publikationen.uni-tuebingen.de › xmlui › bitstream › handle › 10900 › 146638 › Appel_029.pdf). Agamben rekurriert nicht nur auf die Philosophie sondern im Zusammenhang damit auch auf die Theologie und nennt (u.a.) Heidegger, Michel Foucault, Hannah Arendt, Walter Benjamin als Kronzeugen. Das sagt uns: Heute herrscht ein Verständnis vor, das von der Pluralität der Wissenschaften d.h. ihrer grundsätzlichen Gleichwertigkeit ausgeht. Dem steht das scholastische Denken entgegen, das, der Wertehierarchie des Mittelalters verpflichtet, der Theologie Vorrang gibt und die Philosophie als deren „Magd“ sieht. Ein Verständnis, das nicht, folgt man Agamben, „von gestern“ ist, sondern die Voraussetzungen unseres Denkens erhellt. Das Mittelalter kannte nicht nur eine andere Systematik der Wissenschaften und Künste, sondern in dieser auch eine Hierarchie, nämlich den alles durchdringenden Gottesbezug. Da also kommen wir her, auch im Denken wie z.B. vom Allgemeinen zum Besonderen. Das Besondere ist dann bspw. nicht nur das Individuelle oder die Kindheit, sondern steht in einem Verhältnis zum grossen Ganzen und gilt so auch für jeden von uns. Auch nachdem die Scholastik als verbindliches Wertsystem passé ist: Ich kann mir aussuchen, was in meiner Weltsicht das letzte Wort haben soll, ob Philosophie, Theologie, Psychoanalyse, Soziologie oder mein ganz eigener Mix. Zu den Denkern der Jetztzeit, die einen sehr „eigenwilligen“ Mix von Wissenschaften (und Künsten) bevorzugen und nur schwer einer Disziplin zuzuordnen sind, gehören u.a. Buber, Arendt, Agamben, Paul Virilio, Foucault, Walter Benjamin, André Glucksmann. Wie gelungen ich mich mit meinem Mix zwischen die (Lehr-) Stühle setze, merke ich an der Vehemenz der Kritik, die mir entgegenschlägt. Geht es um Interkulturelles, ist eine solche Haltung sowieso ohne Alternative, sieht man sich nur die weltweit unterschiedlichen Wissenssystematiken und Erkenntnismodelle an. Was für Wissenschaft als Disziplin Gültigkeit hat, gilt so nicht für mich. Ich habe das Gebot pluraler Gleichwertigkeit zu achten, bin aber frei in der Wahl meiner Interpretationsmuster. Einer der Denker, ein im ursprünglichen Sinne des Wortes ‚Querdenker‘, ist Giorgio Agamben, italienischer Philosoph, der die Theologie den ihr aus seiner Sicht gebührenden Platz im Kreise der Wissenschaften einräumt. Wir befinden uns, in einer Situation, wird Agamben von Appel zitiert, in der Geschichtsdeutungen (auch Utopien, JPK) zerfallen oder „ins Nichts führen“ (ebd., 94). Die Leerstelle bleibt nicht lange unbesetzt. Agamben denkt und schreibt – darin gleicht er dem Gesprächsphilosophen Martin Buber – aus der Auseinandersetzung heraus: „In dieser Situation zeigt es sich, dass die neuen Fantasy-Erzählungen massiv religiöse Motive aufnehmen und transformieren. Ganz besondere Bedeutung haben dabei apokalyptische Szenarien“, die Himmel und Hölle in Bewegung setzen (ebd., 80). „Die virtuelle Welt hebt Zeiten und Räume auf, macht sie beliebig auswechselbar und wiederholbar“ (ebd.81). Damit hebt Agamben die Wirksamkeit auch theologischer Begriffe und Konzeptionen ins Bewusstsein (.?.). Sein Denken macht deutlich, wie theologische Kategorien unsere Vorstellungen und „gesellschaftliche Wahrnehmungsweisen konfigurieren “ (ebd., 83). Dann kommt Agamben zum Schluss: Im Zentrum des „Gegenentwurfs“ Agambens stehe „Messianität“ (ebd., 84). Es handele sich so Appel, um Agambens „Versuch eines messianischen Gegenentwurfs (dem Walter Benjamins ähnlich in seinem Zugriff auf das „Humanum“. (ebd., 84). Dem Messianischen kommt bei Agamben demnach hoher Stellenwert zu: Sie zeigt sich darin als „radikale Immanenz und als Entwertung aller Modelle, die zwischen dem Menschen und der Erfahrung des Singulären“ treten (ebd. 101/102). Das erinnert an den Freiheitsbegriff von Hannah Arendt. „Das Handeln ist nicht unmittelbar aus dem Sein ableitbar, sondern markiert eine eigene Sphäre“, in der sich „das Subjekt quasi gebiert“ (ebd., 93). Die Aufteilung in Wissenschaften und Künste, die uns gegenwärtig geläufig ist, ist eine andere. Die Systematik aber, so selbstverständlich sie auch erscheint, unterliegt selbst ständiger Veränderung. Der Teil, den wir beeinflussen, erschliesst sich uns durch die Freiheit.
Face to face: Dialog zwischen Hannah Arendt und Winfried Kretschmann
Face to face: Dialog zwischen Hannah Arendt und Winfried Kretschmann Martin Buber ist nicht der einzige Gesprächspartner, den wir in der jüngeren Vergangenheit haben. Winfried Kretschmann, Ministerpräsident (früher KBW-Mitglied), hat seinen Dialog mit Hannah Arendt 50 Jahre nach deren Tod 2025 in Buchform gefasst (Winfried Kretschmann, Der Sinn von Politik ist Freiheit. Warum Hannah Arendt uns Zuversicht in schwieriger Zeit gibt. Verlagsgruppe Patmos 2025). Der Dialog zwischen Kretschmann und Arendt ist wiederum Anlass für meine Aufnahme des Dialogs besonders mit Hannah Arendt. Kretschmann folgt Begriffen Hannah Arendts, die sie in die politische Debatte gebracht hat: Pluralismus (ebd. 7ff.): Zu meiner Schülerzeit war der Begriff verpönt. Pluralismus hatten wir im Supermarkt, Pluralismus hatten wir im Pressemarkt, das war für uns ein gesichtsloser Brei. Wir wollten Konturen, die – an den Rändern – Abgrenzungen verlangen. Heute haben wir eine andere Lage: Wir erleben Polarisierung. Pluralität bekommt einen positiven Klang. Totalitarismus: Der Begriff stiess in weiten Teilen der politisch bewegten Jugend zu meiner Zeit auf Ablehnung. Meist sah man darin eine Gleichsetzung rechts und links. Was von rechts kam, bedeutete nationalistische Drohung, links, das hiess im kalten Krieg Diktatur. Freiheit hatten wir sowieso, wir mussten nicht drum kämpfen. Verantwortung war diskreditiert als Schülern zugestandene Konzession. Es gab die rechtlich schwache SMV Schülermitverantwortung. Wahrheit beansprucht bei Kretschmann breiten Raum (vgl. 99 ff.). Darin macht er die Probe aufs Exempel. Und das Exempel ist: Wahrheit. Auch die Wahrheit „in der Meinung des anderen“ (ebd. 21). An ihr erweist sich Freiheit, Freiheit sei der Sinn all seiner politischen Engagements. Diese würden erst durch die Wahrheit real, es liesse sich auch sagen: wahr. Dafür benötigen sie Macht, die für Arendt durch gemeinschaftliches Handeln zustande kommt (ebd. 75). Auch das im Widerspruch zu einer generalisierenden Machtkritik. Vor die Wahrheitsfrage im politischen Raum wurde ich erst später gestellt: 1968. Niederschlagen der Befreiungsbewegung in der Tschechoslowakei. Ich stand fragend vor meinem eher linken Lehrer. Warschauer Pakt und Nato sind wie zwei Hunde, die an ihren Leinen zerren und sich ankläffen, so sein Befund. Noch später wurde mir Vaclav Havel wichtig. Systematische Lüge in einem gewalttätigem Kontext war sein Thema (ebd.102). Heute sprechen wir da auch von Fake-News. Kretschmann wird da konkreter und fordert eine europäische Social-Media-Plattform (ebd. 118 ). Hannah Arendts akademische Gesprächspartner war ein bunter Haufen (u.v.a.): Karl Jaspers Romano Guardini, Nicolai Hartmann, Rudolf Bultmann, Martin Heidegger, letzterer auch Lebenspartner. Das fällt auf: Gegensätze beherrschen das Bild. Zu Marburg, einer der Studienorte Arendts, hatte ich einen persönlichen Bezug. Waren wir als Familie da, gingen wir ins Café Vetter, hoch über der Lahn. Im Café Vetter tobten enige bunte Vögel in Volieren und Käfigen, im Fernsehen lief die Übertragung der Olympischen Spiele aus Rom. Mein Vater erschien mir entspannt, wenn wir da waren. Es gab noch ein Café, das Café Maldaner in Wiesbaden, das wir immer wieder besuchten. Da war er schon als Junge mit seiner Mutter gewesen. Im Maldaner dominierte damals eine bürgerliche Salon-Atmosphäre. Und dann gab es noch das Café Wien, eher eine Kneipe, nahe der Schule. Oberstufenschüler nutzten es zusammen mit jungen Lehrern als Ausweichort während der ausgefallenen Unterrichtsstunden. Das Café Wien blieb eine leere Versprechung und degenerierte zur Kliquenwirtschaft. Die (christlichen) Werte sind heute längst eingewandert in Alltagsethik und -moral. Eine besondere aber auch missliche Situation: Einerseits sind die Werte weg – andererseits sind sie da, aber woanders, nicht dort, wo wir sie erwarten, sozusagen in profaner Gesellschaft. Eine Situation, in der wir uns von aussen, nicht länger nur aus der Binnenperspektive des Ich betrachten: Die Perspektive relativiert macht uns insgesamt aber handlungsfähiger. Eine Perspektive mit Zukunft, wie sie jeder einzelne Mensch hat (ebd.17). Bei Hannah Arendt ist das Positive Thema! Und zwar deshalb, weil sie sich auf den unverwechselbaren aktiv handelnden Menschen konzentriert. Für Arendt hat dieser Mensch Zukunft (ebd. 123 ff). Eine Zukunft, die „ausgehandelt“ werden muss (ebd. 19). Auch Arendts Innovationsbegriff lebt von der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen „Sichtweisen und Logiken“ (ebd. 96). Wie radikal Hannah Arendts und mit ihr Winfried Kretschmanns Wertschätzung des Handelns ausfällt, zeigt folgender Satz: „Das Handeln des Menschen zerschneidet die Zeit und teilt das chronologische Kontinuum in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ (ebd. 130). All dies aber beweist sich nicht nur im Dialog, es wird auch angestossen durch den Dialog, wie den zwischen Kretschmann und Arendt. Arendt kritisiert die Ent-Individualisierung von Menschen in Diktaturen und setzt ihre Hoffnung auf den unverwechselbaren Beitrag des Menschen (ebd. 50 f.), der aktiviere und zum Handeln auffordere.
Face to face: Frantz Fanon
Face to face: Frantz Fanon Frantz Fanon wäre dieser Tage hundert Jahre geworden. Frantz Fanon (1925 in Martinique – 1961 in Maryland/USA), Psychiater, Sozialtheoretiker, Politiker, lässt mich an Georg Büchner denken, angehender Arzt, Revolutionär, im 19. Jahrhundert ins Exil getrieben. Einer, der die Brüche seines Lebens nicht überdeckte, sondern ausfocht, wie Fanon. „Wir Farbigen weigern uns, Außenseiter zu sein, wir nehmen voll und ganz teil am Schicksal Frankreichs“ (nach Wikipedia zitiert: Frantz Farnon, zuletzt bearbeitet am 17. Okt. 2025). Die 68er waren hierzulande die, die sich ausdrücklich auf den Revolutionär Georg Büchner in ihrem politischen Kampf bezogen, das war vor jetzt ca. 50 Jahren. Anders als Fanon beriefen sie sich aber nicht auf das Bürgertum, sondern stellten es frontal als Problem in Frage. Als ich Schüler war, fehlten mir Ansprechpartner, damals ‚Establishment‘ genannt. Unsere (jungen) Lehrer und Professoren, waren selbst oft Teil des Protests. Und die, die Älteren schwiegen, waren meist froh, wenn sie nicht zur Rede gestellt wurden. Fanon blieb Bürger und handelte als Bürger. Er ging nach Tunis und schloss sich offiziell der algerischen Unabhängigkeitsbewegung an, war Mitherausgeber eines zentralen Presseorgans und als Diplomat zuletzt Botschafter der provisorischen Regierung Algeriens in Ghana. Obwohl als ‚people of color‘ und Einwohner von Frankreich d’outre-mer (Martinique) doppelt deklassiert, nahm er das „Angebot“, sich als „Aussenseiter“ zu verstehen und zu verhalten, nicht an. Und nicht nur das: „Ihn trieb um, wie gesellschaftliche Verhältnisse die Lebenswirklichkeit und das Selbstempfinden von Menschen prägen, wie Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse Sein und Bewusstsein formen und wie gesellschaftliche Verhältnisse eingerichtet sein müssten, um allen ein Leben in Würde zu ermöglichen“ so Teresa Koloma Beck (19.10.2025): Frantz Fanon. Crashkurs in Zorn, Würde und dem Preis der Revolte, Dlf). Der Kampf gegen koloniale Strukturen war die Klammer, die sein Leben mit antikolonialen Bestrebungen verband: „Befreiung bedarf nicht nur der Arbeit an den äußeren Verhältnissen, sondern immer auch der intensiven Arbeit am Selbst“ (ebenda). Fanons Engagement und seine Existenz gehen unmittelbar ineinander über: „Die kolonisierte Welt ist eine zweigeteilte Welt“ (ebenda). Fanon kommt also nach globalen antikolonialen Engagements wieder bei sich an, und zwar ohne sich in einer unproduktiven Nabelschau zu verfangen. Wäre es nicht vor allem existentiell wahr, gäbe es eine gute Pointe ab, dass angesichts der von ihm kritisierten kolonialen Zweiteilung der Welt Fanon einer blieb, der mit sich eins war.
Face to face: Partner
Face to face: Partner Ich/Du haben ein Gegenüber, den wir ehrlicherweise Lebenspartner nennen. Wir leben zusammen, tun viel zusammen, arbeiten vielleicht zusammen. Grosses Glück. Trotzdem: Vieles kann Gewöhnung werden. Fazit: Innerlich drehen wir uns voneinander ab. Dazu kommt: Viele Aspekte kennen wir ja auch noch gar nicht am anderen. So kann’s kommen, dass Du Deinen Partner nach langer Zeit wieder begegnest. Oder, dass Ihr eure Gegenwart plötzlich als ganz neue Begegnung empfindet. Ihr macht einen Anfang. Manchmal mitten in dem, was ihr kennt. Bedingung: Wir müssen uns dann und wann fremd sein lassen oder da und dort fremd werden, damit wir uns auch wieder begegnen können. Begegnung hat immer etwas Punktuelles, Situatives. Zum Beispiel: Liebe macht nicht etwa einfach blind, sondern sie konzentriert sich auf Eigenschaften des Andern, die mir besonders wichtig sind. Mit der Zeit treten andere und neue Eigenschaften in den Vordergrund. Ich lerne den Partner neu und anders kennen. Wir begegnen uns.
Face to face: Beziehung kommt zustande, wenn ich zuhöre
Face to face: Beziehung kommt zustande, wenn ich zuhöre Hör zu! Lass sie ausreden! Unterbrich sie nicht! Ermahnungen dieser Art sind Legion. Sie ändern wenig. Wir haben uns an solche Ordnungsrufe gewöhnt. Insbesondere wenn wir in Rage geraten. Recht und Ordnung sind zu schwach, so scheint es, um Emotionen und Machtstreben zu zügeln. „Das Wort abschneiden“, allein diese Formulierung zeigt, wieviel Dramatik im Spiel ist. In der Tat gibt’s viel abzuschneiden. Wir denken und sprechen oft und gern in Monologen, in geschlossenen Argumentationsketten. Nur wer vorb in (inneren) Dialogen denkt, in pro und contra seiner Argumentation, gibt auch dem anderen Raum. Die Gewissheit, dass es noch andere Sichtweisen gibt, ist nicht zu verwechseln mit Meinungslosigkeit und Opportunismus. Im dialogisch angelegten Gesprächsbeitrag steckt eine Toleranz, die nicht mehr extra formuliert werden muss. So entsteht mit dem Zuhören Beziehung. Denn: Hören ist neben dem Tasten einer der ersten Sinne, mit denen wir miteinander in Kontakt kommen und Beziehungen aufbauen (Dörte Hinrichs, Dagmar Röhrlich, Christine Watty, Emily Thomey u.a. (06.09.2023): Zuhören lernen – wie geht das?,Dlf, (online)https://www.deutschlandfunk.de/aktives-zuhoeren-lernen-kommunikation-100.html. Aber auch später spielt in der Beziehung das Hören eine wichtige Rolle. Signale und Impulse wechseln im Millisekundenbereich zwischen Sender/Empfänger und Empfänger/ Sender hin- und her. Dazu kommt, meist unterbewertet: Die Frequenz. Auch wenn’s nur ein tierisches „mäh“ ist, das im Wesentlichen der Ortsbestimmung des Schafs dient. Die Frequenz muss so dicht getaktet sein, dass die Signale in Beziehung miteinander gebracht werden, so dass von Reaktion oder Antwort gesprochen werden kann. Auch die Frequenz ist ein Beziehungsbaustein. Zuhören kann man uns ansehen, ähnlich, wenn auch nicht immer ganz so auffällig wie beim Hörspezialisten Hund, der das durch Neigen des Kopfes, Aufstellen der Lauscher u.a. signalisiert. Nur in Ausnahmefällen des völligen Hingerissenseins dagegen sollten wir „an den Lippen der Sprecher hängen“. Ersparen Sie mir den Smiley. Aber gegen ein sachtes freundliches Nicken spricht nichts. Merken Sie? Wir sind beim Thema Zuhören und schon mitten im (inneren) Gespräch. Können Sie mir folgen? Hören ist sowohl eine persönliche Fähigkeit als auch eine gesellschaftlich-politische Kategorie. Den Bürgern zuhören ist heute ein fester Terminus im politischen Geschäft. Antwort von Politikern: Wir haben verstanden.