mb-today.de: OEKO DIALOG

Ideenküche Welcome!

Ideenküche Welcome! ‚Ideenunternehmer‘ sind gefragt, wenn uns Transformationen und Aufbrüche in Atem halten. „Lösungs- und Problemunternehmer“ aber sind gebunden an die Rahmenbedingungen innerhalb derer sie Probleme lösen.  Zudem wird die „unüberwindliche Komplexität“ der Gesamtsituation zum Hindernis (vgl. Marc Molders, Die Weltverbesserer Dlf). Barrieren im Einzelnen: Generell sind technologische und organisatorische Strukturen für sich also wenig geeignet, wirksam ‚ins Rad‘ zu greifen. Das ist laut Marc Molders eher möglich durch eIne „Alchemie“ aus „Ausdruck, Andeutung, Verbindung, Emotionen, Geschichten, Lebensvorbildern“. (Marc Molders, Die Weltverbesserer Wie Organisationen um die Lösung großer Krisen konkurrieren Dlf [02.02.26] Essay und Diskurs). Ein interessantes Wort in diesem Kontext: Alchemie. Molders meint damit chemische Verbindungen, die nicht kausal eindeutig rückführbar sind  und schon dadurch zu einer „Denkreise“ einladen (Marc Molders a.a.0.). Für Molders sind dies „Methoden des Ideenunternehmers“, die fundamental Menschliches zum Ausdruck bringen. Denn der Mensch wird dadurch selbst zum Werkzeug. „Ideaplex“ nennt das Molders mit einem an Cineplex erinnernden Begriff, wenn Prozesse der Ideenfindung mit deren Verbreitung zusammenschmelzen (Molders a.a.O.). Folgen Sie mir bitte in die Küche! Wir müssen nicht den Begriff der wissenschaftlich fundierten  Molekularküche bemühen, der explzit auf biochemischen und physikalisch-chemischen Prozessen aufbaut, wie das Restaurant EL BULLI (vgl. http://kuirejo.de/tag/el-bulli/). Es genügt ein Blick in die Standardküche von heute. Wo’s kocht, gart, schmort und dampft. Wo die Sinne selbst das Ergebnis kommentieren. Wo Geist und Geschmack auf der Zunge ‚zergehen‘. Wo Eingelegtes Unausgegorenes, Unverfrorenes einzigartige Symbiosen eingehen. Wo der Mensch alles Mögliche, nicht nur seinen Senf, dazugibt. Wo Ideen munter gemixt werden und beim Kochen und Abschmecken ständig neu entstehen. Trotzdem: Sieht das nicht etwas komisch aus, auf dem Teller? Der philosophische Ansatz neben der Novelle Creative Cuisine! Alles erlaubt! So schallt es uns aus der Küche entgegen. Martin Bubers Votum für das Gespräch als Prozess wird im Küchen-Alltag praktisch erfahrbar. Gespräch ist für Buber aktiver Teil der Lösung, nicht nur sprachliche Begleitung. Bubers Gesprächsphilosophie, die sein Gegenüber ernstnimmt, bietet ein weites Feld an Themen  und Anhaltspunkten. Buber hat, launig formuliert, „in jeden Topf“ geguckt. Das Gespräch, die mündliche Äusserungsform, erweist sich dabei als nicht ersetzbar. Das gilt gerade in der Demokratie: Spontane Beiträge, zündende Gedanken, strukturiert zur Diskussion Gestelltes prägen Gesprächsklima, -verlauf und -dynamik. Wer daran Zweifel hat, hat Zweifel am Beziehungscharakter des Gesprächs. Welcher Einwand wird zum Gamechanger? Welche Worte verändern schlagartig das Gesprächsklima? Aus Bubers Gesprächsverständnis wird seine ethisch-moralische Begründung sichtbar, auch wenn er sich die Formulierung „Moralische Tatsachen“ (Markus Gabriel) als Ausdruck eines „moralischen Realismus“ nicht zu eigen machen würde (vgl. https://www.chbeck.de/gabriel-moralische-tatsachen/product/38808808). Buber bietet den grösseren Rahmen eines (interreligiösen) Humanismus ohne sich konfessionell festzulegen.   Und was heisst das jetzt für den kreativen Ideenkoch? Gerade Lust und Anregungen zählen. Kontraste schärfen das Geschmackserlebnis und bringen die Geschmacksmodule auf Trab. Nur, wenn’s die Verträglichkeit arg strapaziert, erlaubt sich der Autor eine Manöverkritik. Die Rezeptvorschläge bleiben allen zugänglich und berechtigen zu den schönsten Kreationen! Ideen kommen. Sie kommen auf uns zu. Es denkt sich gut in Gesellschaft! Wider die Einsamkeit der Einhörner! Lang leben die „Communicorns“ (Molders a.a.O.) !

Rezept: Leiterplatten à la Funghi

Leiterplatten à la Funghi Mit Ihren Geschmacksnerven können Sie abschmecken oder auch abschätzen, wie etwas schmecken wird. Sie brauchen dazu nicht das gesamte Rezept kennen. Sie gehen in Schritten vor. Ein oder zwei Schritte können reichen, wenn Sie (aus Erfahrung) wissen, wie es schmecken soll. Die Geschmacks- und Riechsignale holt mensch sich von ausserhalb, aber abgeschmeckt wird im Hirn! Es handelt sich um dieselben Prozesse, wie beim Sehen, Denken und in der Musik. Es geht um die Fähigkeit des Gehirns, Einzelwahrnehmungen zu Bildern, Gedanken, Melodien zu ergänzen. Noch eins: Wenn Sie Schlitzohriges oder Geniales auskochen, tun Sie dies in kleinen überschaubaren Schritten! Mit Zunahme der Schritte steigt die Anzahl der Optionen, der Möglichkeiten und Kombinationen!  Das ganze Rezept nachkochen, und sei’s von einem Meisterkoch, ist fad, es ist nicht Ihre Kreativität, sondern die der Köchinnen oder Köche. Und: Weibliche Kreativität ist eine andere als männliche, ganz zu schweigen von diverser oder queerer. Es heisst nicht von ungefähr, wenn auch etwas flapsig: querbeet. Grenzen überschreiten, ist heut‘ in aller Munde. Darunter Grenzen, kaum wahrzunehmen, so oft überschreiten wir sie: 1) die zwischen Nahrung und Material in der Industrie 2) die zwischen Technik-Werkstoff und Naturstoff  (z.B. bei Faserverbundstoffen) und 3) last not least die zwischen neuronalen Netzen und Myzel-Netzwerken. Dies zuletzt entdeckte Terrain hat allein durch Veranschaulichung und Illustration Phantasie und Vorstellung neu beflügelt, was unser Verhältnis zur Natur betrifft. In bislang kaum gekannter Konkretheit wird uns bewusst, Teil der Natur zu sein, genauer: an deren Strukturen bis in unsere neuronalen Netze hinein zu partizipieren. Das Denken überschreitet Grenzen. Weiterdenken heisst die Devise! Unsere Vorstellung eines ‚Verhältnis‘ zur Natur präzisiert sich dadurch weiter. Was hat es auf sich, mit diesem Verhalten? Wer verhält sich da zu wem oder zu was? Schon hier wird deutlich, wie elementar denkerische und philosophische Implikationen Verhalten und somit auch Haltung vorzeichnen. Das Schlagwort ‚vernetztes Denken‘ ist leicht dahingesagt, es gewinnt allerdings inhaltliche Konturen, wenn uns bewusst wird, in welcher unerhörten Breite wir ununterbrochen Impulse über unsere Sinne aufnehmen. Das Riechen und Schmecken holt Sinneswahrnehmungen aus der akademischen Betrachtung dahin, wo sie hingehören, in den Mund, auf die Zunge und den Gaumen. Synthesen aus ganz verschiedenen Elementen und Stoffen kennen wir in der Tat nicht nur aus der Küche, sondern aus der Welt der Natur- und Verbundstoffe und nicht weniger aus dem Reich der Mythen und Legenden. Mischwesen Pferd/Mensch (Zentaur), Löwe/Mensch, Vogel/Mensch reichen tief in die Mythologien der Kulturen. Zu weit hergeholt? Stoffgemische wie Beton, Milch, selbst Nebel sind selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Technisch innovative Gemische wie bspw. Baustoffe aus Pilz-Myzel und biogenen Reststoffen, weisen dagegen Wege in die Zukunft. Um beim Pilz zu bleiben: Myzel-Strukturen, die den Waldboden grossflächig vernetzen, weisen in ihrer Struktur – und um die geht es hier – durchaus Ähnlichkeiten mit neuronalen Netzwerken in unserem Körper und Gehirn auf. Auf den Gedanken sind schon andere vor uns gekommen: Myzel-Strukturen dienen zur Bestückung von Leiterplatten (Petra Gottwald, Kommt bald die biokompostierbare Leiterplatte? (1.2.23); https://www.all-electronics.de). Diese Trends und Tendenzen wirken sich auf unser Verhältnis zur Natur aus. Von Natur ist meist im Sinne einer umfassenden, „allumfassenden“ Natur die Rede. Einen anderen Akzent setzt Martin Buber, für den unstrittig  ist, der Mensch erfahre Natur in der „Begegnung“ (Bernd Witte: Buber und die Literatur in: Martin Buber-Werkausgabe (MBW), Band 7). „Begegnung“ heisst für Buber hier mit einem anderen Wort: Innewerden: „Es muss keineswegs ein Mensch sein, dessen ich inne werde. Es kann ein Tier sein, ein Gewächs, ein Stein …“.  Seine Begegnung mit einem Pferd beschreibt Buber so: Ihm „war es, als grenzte mir an die Haut das Element der Vitalität selber, etwas das nicht ich, garnicht ich war … eben handgreiflich das Andere, das sich elementar mit mir auf Du und Du stellte“.  Diesem Zitat liegt das Audio-Dokument zugrunde: Martin Buber: Der Mensch in der Natur aus: Zwiesprache 1930; ICCJ International Council of Christians and Jews; https://www.youtube.com). Bubers Dialog-Philosophie dockt hier direkt an die Sinneswahrnehmung an.

Jean-Paul Kühne Antwort auf die Mail von Rainer Dykerhoff vom 1.3.26: KI, eine Frage der Wahrheit [vgl. mein Beitrag auf www.mb-today.de]

Jean-Paul Kühne Antwort auf die Mail von Rainer Dykerhoff vom 1.3.26: KI, eine Frage der Wahrheit [vgl. mein Beitrag auf www.mb-today.de] „… fragt dich die KI“, das ist, populistisch verhunzt, mitunter vernehmbar. Tatsächlich  sind Frage und Antwort eine Art und Weise, in der sich KI-Programme präsentieren. Der Anwender stellt eine Frage – die KI gibt eine Antwort. Die Antwort hängt ab vom Wortlaut der Frage. Solche KI-Anwendungen simulieren mindestens ansatzweise ein Gespräch. Die Methode der Gesprächssimulation verstärkt und fördert die Akzeptanz. Nicht so einfach ist die Frage zu beantworten, ob hinter den Antworten der KI, nicht andere Fragen verschwinden, die wir nun nicht mehr stellen. Hinter der Frage, ob das Dargestellte ‚richtig‘ oder falsch, kommt die Überlegung, ob etwas überhaupt wahr sein kann, und wenn ja, unter welchen Bedingungen, deutlich zu kurz. Eine weitere Eigenheit der Wahrheit ist, dass sie leidet unter prompten Antworten, die Nachfragen und Sich-Versichern scheinbar überflüssig machen. Die Wahrheit ist nämlich auch, dass „richtig“ gestellte Fragen ihr näher kommen als die ausgeklügelste Antwort. Ob es uns bewusst ist oder nicht, befinden wir damit auf dem Terrain der Philosophie. Es geht um Wahrheit. Ein unvergleichlicher Vorteil sich selbst gestellter Wahrheitsfragen. Es gibt noch eine weitere Eigenschaft der Wahrheit: Konfrontieren wir uns selbst mit dem eigenen Wahrheitsanspruch, begegnen wir Relativierung und Vergleichbarkeit im Prozess der Wahrheitsfindung. Als Bild dafür kann das Fernglas dienen, das neben der Zoom- eine Verkleinerungsfunktion hat, durch die Nähe wie auch Abstand hergestellt wird. Indem die Besonderheit einer Einsicht hervorgehoben wird, wird sie auch relativiert d.h. sie wird mit anderen Erkenntnissen in ein Verhältnis gesetzt. Es ist nicht alles relativ. Sehr richtig. Aber allein das Fokussieren der Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen und Partner in der Auseinandersetzung, und sei es zum Zweck der Abgrenzung, betont die Bedeutung der Interaktion im Dialog und Gespräch: „Ich-Du ist der Ausdruck der Beziehung, die eine „Verzweckung“/Instrumentalisierung der zwischenmenschlichen Interaktion ausschließt“ (Kloubert, Tetyana. 2021. “Zu Martin Bubers Gedanken über Dialog und Bildung.” In Dialoge=Dialogues, edited by Rainer Wenrich and Petia Knebel, 148. München: Kopaed.). Wahrheit in Zeiten der KI: Durch KI-erstellte Antworten lassen sich nicht urheberrechtlich schützen (EU AI ACT, Europe Artificial Intelligence Act; https://www.euaiact.com), denn solche Aussagen sind algorithmus-, zeit- und -sitationsabhängig. Aber was sollte mich hindern, mich auf die mit Hilfe der KI gewonnene Erkenntnisse und Autoren zu beziehen, die dann in der Tat zitierfähig sind?  

Jean-Paul Kühne: Untergangszenarien als Unterbrechung des kommunikativen Zusammenhangs. Antwort auf J.J. Korff: Wie Untergangsszenarien die Kommunikation stören

Jean-Paul Kühne: Untergangszenarien als Unterbrechung des kommunikativen Zusammenhangs. Antwort auf J.J. Korff: Wie Untergangsszenarien die Kommunikation stören Das beschwören von „Untergangszenarien“ dient nicht nur dem Herbeiführen einer Entscheidungssituation, sondern ist auch das Einfallstor, von „der Natur“ zu sprechen. Ich erinnere mich an einen Werbeslogan, der lautete: Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur. Auch, wenn der Spruch von gestern ist, die Vorstellung von „der Natur“ steckt uns in den Knochen. Wir stellen uns Natur vor. Aber die Natur selbst sehen wir nicht. Die Natur ist ein Begriff. Die Natur geht auch nicht unter. Es sind die Szenarien des Untergangs, die uns vor Augen stehen, von denen Jens Jürgen Korff spricht. Untergangsszenarien, die das zerstören, was sie zu erhalten vorgeben. Sie meinen; Herr Korff, den kommunikativen Zusammenhang, den wir brauchen, um diese Welt und uns Menschen als „Teil der Natur“ zu erhalten. Wir sprechen von Kommunikation. Martin Buber würde in seiner Dialogphilosophie vielleicht eher vom Gespräch sprechen (vgl. www.mb-today.de).   All das legt nah, „Natur als Subjekt“ zu begreifen. Wie im Dialog stehen sich gleichberechtigte Partner gegenüber. Erst zögernd begreifen wir, die Natur als Subjekt mit eigenen Ansprüchen und Bedürfnissen zu sehen. Das landläufige Verständnis geht heute vom „Allvertretungsanspruch“ der Natur aus, der aber in der Realität das Subjekt torpediert und damit die Kommunikation zerstört. Die Depression, die uns ergreift, wenn wir uns intensiv mit dem Untergang befassen, hat auch in der „gestörten“ Kommunikation, die Auswegslosigkeit signalisiert, seinen Grund. Die Binsenweisheit, dass das Subjekt immer auch in seiner Wahrnehmung des Objekts selbst steckt, ist wahr. Mit diesem Vertretungsanspruch wird die Natur verdinglicht, d.h. zur Sache. Subjekt meint so gut wie das Gegenteil. Es bedeutet: ‚aus eigenem Recht‘. Das hat nicht zuletzt ethische Konsequenzen. Eine Konsequenz ist „Bescheidenheit“, wie Korff das treffend nennt. Die Zielstellung dabei ist, dialogfähig zu werden, das Gegenteil von Sich-Anmassen und Sich-Aufblasen. Dies schliesst an zentrale Begriffe der Erkenntnisphilosophie Rainer Dyckerhoffs an. Das Subjekt existiert nur als wahrheitsfähiges Subjekt oder garnicht.

Jens Jürgen Korff: Wie Untergangsszenarien die Kommunikation stören. Antwort auf Jean-Paul Kühne

Jens Jürgen Korff: Wie Untergangsszenarien die Kommunikation stören. Antwort auf Jean-Paul Kühne Als Gefahren für „den kommunikativen Zusammenhang der Gesellschaft“ sehen Sie u. a. Untergangsszenarien, die als „unabwendbare Erkenntnisse“ präsentiert werden, und die Missachtung der Natur als Subjekt, das mit uns Menschen kommuniziert. Als Klimaschützer und Naturschützer habe ich mit beiden Phänomenen zu tun, als Antifaschist und Pazifist zusätzlich mit dem ersten Phänomen, doch alles auf eine recht widersprüchliche Weise. In den eigenen Reihen, in der Klimaschutzbewegung, stoße ich oft auf Untergangsszenarien: Man zeigt einen Planeten, der Fieber hat, in Flammen steht, dessen Inseln und Küstengebiete überflutet werden usw. Alles das wird gerne zusammen mit dem Ruf „Hört auf die Wissenschaft!“ an die Wand gemalt. Als hätte „die Wissenschaft“ als Faktum festgestellt, dass Amsterdam im Jahr 2051 untergehen werde. Das hat sie nicht, denn eine Prognose mag eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben, sie ist aber nie ein Faktum. Sie mag Gegenmaßnahmen, also Klimaschutz, zu einem ethischen Gebot machen, aber sie stellt nicht fest, was passieren wird. Schon deshalb nicht, weil Prognosen stets selbst den weiteren Verlauf der Geschichte beeinflussen. Insofern stimme ich Ihrer Einschätzung zu, dass Untergangsszenarien die notwendige Debatte, die immer eine ethische ist um die Frage, wie wir handeln sollen, eher behindern als fördern. Das gilt natürlich erst recht für die Untergangsszenarien, die von Nationalisten und Rassisten erzählt werden: »Deutschland schafft sich ab«, der »Bevölkerungsaustausch«, der »Untergang des Abendlandes«. Diese ignorieren einfach, dass die Kinder und Enkelkinder von Migrantinnen selber keine Migranten mehr sind, dass sie sich auf tausendfache Weise an ihr Heimatland, das ihr Geburtsland ist, anpassen und ein Teil davon werden. Die Natur als Subjekt der Kommunikation wirft Fragen auf. Es gibt eine recht plakative und vorder­gründige Art, die Natur als Subjekt zu sehen, das ist die Ansicht, die Natur werde sich an den Menschen für die ihr angetane Schmach rächen. Auch diese Ansicht begegnet mir in den eigenen Reihen. Ich halte sie für abwegig, aus zwei Gründen: Sie projiziert niedrige Beweggründe, die es bei manchen Menschen gibt, in die Natur hinein; und sie tut, genau wie die Naturzerstörer, so, als seien Natur und Menschheit zwei getrennte Welten. Wer die Menschen für einen Teil der Natur hält wie ich, für hilfsbereite Affen, die sich morgens die Zähne putzen und Tee trinken, der kann kaum annehmen, dass sich jemand an uns rächen wird. Doch auch diejenigen, die vermeintliche Motive „der Natur“ zu ihren eigenen machen und als Anwälte der Eisbären gegen die Anwälte der Ölkonzerne in den Ring steigen, könnten einem Denkfehler zum Opfer gefallen sein. Sie haben weder die Eisbären noch die Wespenspinnen gefragt, was sie tun sollen. Die Wespenspinnen würden wahrscheinlich antworten: „Es wird wärmer in Mitteleuropa? Das haben wir gemerkt und sind eingewandert. Wo ist das Problem?“ Wie lösen wir das Problem, dass manche Menschen glauben, die Natur gehört zu haben, und andere das bestreiten? Haben die mit den besseren Ohren für die Natur größere Rechte, zusätzliche Stimmrechte bei der Wahl? Wer ist befugt, welche Tier-, Pflanzen- oder Pilzarten im Diskurs zu vertreten? Welchen Arten geben wir Stimmen und welchen nicht? Sind Tiere mehr wert als Pflanzen? Ist eine Mücke mehr wert als eine Linde? Ich glaube, dass solche Fragen uns nicht weiterführen. Ich glaube, dass wir als Menschen, die Hochwasserkatastrophen vermeiden wollen, nur als solche, als Menschen und Kellerbesitzer, gegen Menschen, die ihren Monster-Pickup fahren wollen, auftreten können. Zugleich könnte eine solche Bescheidenheit, eine Rücknahme von Allvertretungsansprüchen und ein klares Artikulieren von persönlichen Interessen und Wünschen, im Dialog mit Verbrennungs-Konservativen und Betonköpfen hilfreich sein, weil es die Streitthemen auf den Tisch des Hauses legt.

Rainer Dyckerhoff: Antwort auf J.J. Korff vom 10.02.26: Erkenntnis-philosophie und dialogische Philosophie im Gespräch

Rainer Dyckerhoff: Antwort auf J.J. Korff vom 10.02.26: Erkenntnisphilosophie und dialogische Philosophie im Gespräch Antwort auf die Mail von J. J. Korff am 10.2.26, von RD am 1.3.26: ((Dies in Klammern, d.h. evtl. nicht zur Veröffentlichung: Der Beitrag als Ganzes fühlt sich für mich tendenziell etwas polemisch an, – oder liegt das nur an der gewissen saloppen Formulierungsweise? – schließlich irritiert mich jedenfalls das Wort „Betonköpfe“, insbesondere im Zusammenhang mit dem Text zuvor und der Kritik an „Allvertretungsansprüchen“; daher: ist es nicht anmaßend mit implizitem Rechthaben, andere Menschen „Betonköpfe“ nennen zu können?)). Aber zur Sache; ich möchte mich beziehen auf die Thematik Natur in der Textstelle „Die Natur als Subjekt der Kommunikation wirft Fragen auf. … Wer die Menschen für einen Teil der Natur hält wie ich, für hilfsbereite Affen … , der kann kaum annehmen, dass sich jemand an uns rächen wird. Doch auch diejenigen, die vermeintliche Motive „der Natur“ zu ihren eigenen machen und als Anwälte der Eisbären gegen die Anwälte der Ölkonzerne in den Ring steigen, könnten einem Denkfehler zum Opfer gefallen sein. Sie haben weder die Eisbären noch die Wespenspinnen gefragt, was sie tun sollen. Die Wespenspinnen würden wahrscheinlich antworten: „Es wird wärmer in Mitteleuropa? Das haben wir gemerkt und sind eingewandert. Wo ist das Problem?“Nun, die Natur wird sich nicht „rächen“ in emotionalem menschlichen Sinne, aber sie ist lebendig und auch kausallogisch-folgerichtig unterwegs – und sie wird REAGIEREN. Und allerdings kann die Wissenschaft Dinge und Entwicklungen auf Basis von erkannten Naturgesetzen und chemischen Zusammenhängen herausfinden und auf dieser Basis auch Folgen und Entwicklungen prognostizieren, – beispielhaft auf JJK’s Text bezogen: Die Durchschnittstemperatur der Erde WIRD wärmer werden durch fortgesetzte CO2-Erzeugung durch Verbrennung aller Arten wie bisher. Und dadurch werden auch Pflanzen und Tiere reagieren, und Menschen werden unter größerer Hitze leiden in zunehmend mehr Gebieten auf der Erde.Im Rahmen von Entstehung und Aussagen der „Erkenntnisphilosophie“ – insbesondere einer ihrer Kernaussagen „Wahrheit = wirklichkeitsgemäße Erkenntnis“ – kann ich darauf bestehen bzw. vertrauen, dass der Mensch im Bemühen um „wirklichkeitsgemäße Begriffe“ – und dies auch mittels ernsthaft-aufrichtiger Wissenschaft – wahrheitsfähig ist; und insofern ist er auch fähig zu berechnen und also vorauszusehen, DASS es wärmer werden wird und schließlich für viele Lebewesen auch ungemütlich bis hin zu lebensgefährlich. Denn wir Menschen betreiben eine so rapide Erderwärmung, wie es sie in der ganzen Erdgeschichte in dieser Schnelligkeit noch nicht gegeben hat – außer bei erdgeschichtlichen Katastrophen wie extrem-große Meteoriteneinschläge und Vulkanexplosionen, – daraus der logische Schluss: Also betreiben wir selbst eine Katastrophe. Und das ist statistisch – also auch wieder durch die Wissenschaft – m.E. eindeutig belegt, nämlich z.B. durch die beunruhigend hohe Anzahl aussterbender Pflanzen- und Tierarten. Die Katastrophe IST im Gange, mehr oder weniger schleichend, – „Apokalypse läuft“ sagen manche, und das nicht nur durch das CO2-Problem, vielmehr auch durch permanent zunehmende Vergiftung durch natur-fremde Stoffe aller Arten, durch Naturverdrängung und -vernichtung wie Waldrodungen, usw. – Übrigens, die Mückenpopulation könnte auch weiterleben da, wo sie zur Zeit ist, aber die Eisbären ohne Meereis am Nordpol nicht, – diese Parteinahme also doch auch objektiv verständlich.Die Menschheit ist aus der Natur entstanden, ja, – als „hilfsbereite Affen“ sagt JJK; und insofern ist sie Teil der Natur; ja-ABER: Dann und da, wenn und wo der Mensch leider ENTFREMDET ist von der Natur, auch von seinen Mitmenschen bei mangelndem Mitgefühl (Stichwort „verstehendes Miterleben“) und insbesondere von seiner eigenen sozusagen ur-menschlichen Natur, also entfremdet von seinem eigentlichen menschlichen Wesen, da ist er eben leider aus der Natur „gefallen“, – ist nicht mehr Teil des Ganzen, das die Welt im Grunde eigentlich ist und in der letztlich alles mit allem zusammenhängt. – Dies hier nur skizzenhaft; Genaueres zur Thematik bzw. Tragik der Entfremdung des Menschen ist im Anhang 7.8 meines Buches dargestellt.Fazit: Den Menschen auf Augenhöhe begegnen – wofür JJK in seinem Beitrag gegen Ende plädiert – und die gemeinsamen Interessen betonen, statt andere Ansichten und Menschen abzuwerten durch besserwisserisches Polarisieren, das ist ganz wichtig und gut. Aber doch gibt es immer die PHÄNOMENE, die immer so sind wie sie sind, und darauf basierend Fakten und Tatsachen, die stimmen und/oder auch wissenschaftlich erforscht sind, – und es gibt Meinungen, „alternative Fakten“ und „Theorien“ aller Art, die eben nicht stimmen.

Jean-Paul Kühne: Gesprächsphilosophie und Erkenntnisphilosophie im Dialog

Jean-Paul Kühne: Gesprächsphilosophie und Erkenntnisphilosophie im Dialog veröffentlicht als Gastbeitrag Erkenntnisphilosophie und dialogische Philosophie im Dialog auf www.erkenntnisphilosophie.de am 3. November 2025 Dieser Blog fusst auf der Dialog- und Gesprächsphilosophie des Philosophen und Sozial-Psychologen Martin Buber. Zentraler Begriff bei Buber ist Begegnung, wie sie sich in Ich-Du-Beziehungen ereignet. Von Martin Buber stammt der bekannte Satz: „Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch“. Das ist eine interessante Parallele zu Kernaussagen der Erkenntnisphilosophie, wie der Rainer Dyckerhoffs (Literaturangabe s.u.), ein phänomenologischer Ansatz, der bestrebt ist, im Erkenntnisprozess von Tatbeständen der „Wirklichkeit“ auszugehen. Aber: Begegnung und philosophische Erkenntnis sind nicht deckungsgleich, auch wenn existentielle Begegnung und Heureka-Erkenntnis viel gemein haben. Erkenntnisphilosophie und Gesprächsphilosophie im Dialog Das gesellschaftliche Klima heute ist geprägt durch Defizite an kommunikativem Zusammenhalt und Unsicherheit in der persönlichen Orientierung. Daher ist es so wichtig wie überfällig, den Prozess des Gewinnens von Erkenntnissen von Neuem in die Hände des erkennenden Subjekts zu legen: Jeder  Mensch kann Erkenntnis und Wahrheit erlangen, so das Fazit der Erkenntnisphilosophie (Dyckerhoff, Rainer: Erkenntnisphilosophie. Ein neuer und verständlicher Zugang zu Wirklichkeit und Wahrheit, München 2021); vgl. Korff, Jens Jürgen: Erkenntnisphilosophie: Wie funktioniert Erkenntnis?, [online] https://erkenntnisphilosophie.de [abgerufen am 02.09.2025]. Was gefährdet den kommunikativen Zusammenhang der Gesellschaft nun im Einzelnen?: Werden die ersten Tatbestände mittlerweile eindeutig als Notstände registriert und diskutiert, gerät der letzte Aspekt eher zögernd ins Bewusstsein. Das liegt daran, dass das Verhältnis des Menschen zur Natur erst in den letzten Jahren als Kommunikationsgeschehen gewertet wird. Die Intention, der Natur, Pflanzen, Tieren eine Stimme zu geben, stimmt mit wesentlichen Aussagen der Erkenntnisphilosophie überein (Dyckerhoff, 86). Auch eingedenk der oben genannten aktuellen Bedrohungen ist das Ziel „wirklichkeitsgemässer Erfahrung und Erkenntnis“ (Dyckerhoff, 142) in der Philosophie keine wirklich neue Vorgabe. Im Gegenteil, es hat bis in unsere Tage eine Reihe von Vorkämpfern und Protagonisten gegeben, welche allerdings oft im Schatten einer „Mainstream-Philosophie“ standen und stehen (Dyckerhoff, 63). Ein weiterer gemeinsamer Nenner realitätsbezogener Ansätze ist das deutliche Abstandnehmen von diskursdominierenden Definitionen und Begrifflichkeiten (Dyckerhoff, 56). Einer der Wegbereiter solcher Ansätze ist Martin Buber (1878 – 1965), der sich übrigens wiederholt, ähnlich wie auch die Erkenntnisphilosophie, auf die Phänomenologie Edmund Husserls bezieht. Bekannt wurde Bubers Aussage: „Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.“ (Martin Buber zitiert nach https://www.martin-buber.com/seite/vita/). Da dieses Gespräch – soweit schriftlich fixiert – bislang überwiegend mit Partnern im akademischen Raum geführt wurde, war die Durchschlagskraft dieser Einstellung begrenzt. Martin Bubers Dialogphilosophie orientiert sich an folgenden Erscheinungsformen des DU: Ein, die gesamte Lebenswirklichkeit umfassender Dialog (vgl. Dyckerhoff, 142) hat – mit einem anderen Wort – eine ökologische Dimension. Oekologie kommt von oikos (griech.): Haus-, Wirtschaftsgemeinschaft und bedeutet im erweiterten Sinn: Welt, Umwelt. Die Natur ist Teil meiner Umwelt. Auch mein Gesprächspartner ist Teil meiner Umwelt. Er ist meine und ich bin seine Umwelt. In der Konsequenz folgt daraus eine aus Kommunikations- und Sozialwissenschaft bestens bekannte Grundregel: Wer sich selbst ausnimmt aus Diagnose und Analyse zerstört den kommunikativen Zusammenhang der „Wahrnehmungs- und Erlebenswelt“ (Carl Rogers zitiert nach Dyckerhoff, 116).   Die Dialogphilosophie Martin Bubers ruht sozusagen auf zwei Phänomenen, zwei Schultern, dem Ich und dem Du. Ich und Du attestieren sich gegenseitig „Evidenz“ als auch „Kohärenz“ (Verstehbarkeit, Sinnhaftigkeit). Das macht den individuellen Erkenntnisprozess nicht überflüssig. Ich und Du gestehen sich im Dialog nämlich gegenseitig partiell Wahrheit zu. Dieser Prozess genauer betrachtet: Über „relative“ Begriffe, kristallisieren sich „individuelle“ Begriffe heraus, die ein höheres Mass an Erfahrung und Empathie aufweisen. Erst diese „wirklichkeitsgemässen“ und „in der Sache“ eindeutigen Begriffe, die nicht mehr an sinnliche Eindrücke gebunden sind, erlauben Wahrheitserfahrungen (vgl. Dyckerhoff, 78 ff.). Dyckerhoff hält es sogar für möglich, dass solche Annäherungsprozesse von Erkenntnissen an die Wahrheit in einem Ergänzungsverhältnis zur gesellschaftlichen Diskurstheorie der Frankfurter Schule stehen (Dyckerhoff, 126). Auch in meinem Blog, https://mb-today.de, habe ich in Beiträgen unter den Überschriften „Anders lernen, ausgelöst durch eine andere Frankfurter Schule“ vom 30.03.2024 sowie „Was in den Moseskorb passt. Buber meets Kluge“ vom 03.02.2024 auf diesen Aspekt einer Übereinstimmung mit Martin Buber hingewiesen. Das Gespräch mit dem DU beginnt allerdings schon viel umfassender und viel früher, nämlich im „vorsprachlichen“ Dialog (vgl. Dyckerhoff, 33).   Wie schon gesagt, Buber hat sich eingemischt, ist selten einer Diskussion, einer Auseinandersetzung  ausgewichen. Gespräch bei Buber meint in erster Linie die mündliche Form, auch wenn nur ausnahmsweise die mündliche überliefert ist (Buber, Martin (2012: Das Wort, das gesprochen wird. (Audio) YouTube.    Vor allem aber: Buber hat standgehalten, buchstäblich bis zum letzten Moment. Auch als ihm die Professur aberkannt wurde und er zwischen ‘33 und ’38 nurmehr das jüdische Lehrhaus betreute. Den Dialog nahm er wenige Jahre nach dem Krieg, so mit Heidegger, wieder auf. Bubers Obsession für den Dialog lässt ihn vornehmlich situationsbezogen agieren und reagieren. Will man der Breite seiner Themen nur ansatzweise gerecht werden, ergibt sich in der Darstellung eine gewisse Gewichtung zu Gunsten des breit Darstellenden, des Narrativen, genannt seien nur die von Buber gesammelten Chassidischen Legenden. Buber liesse sich auch ‚Philosoph des Weges‘ nennen. Aus diesem Erzähl- und Erfahrungsfluss blitzen dann jeweils spontane Heureka-Erkenntnisse auf.

Rezept: Sand + Intuition + Technik + Geschmack

Sand + Intuition + Technik + Geschmack „Wir evaluierten grundlegende Lösungen, die auf der Ablagerung von Sand basieren, und kombinierten das implizite Wissen über menschliches Handeln mit automatisierter Roboterpräzision in einem heuristischen Prozess.“ Sven Pfeiffer 4 Zutaten brigt Sven Peiffer mit. 1. Sand, ein Material, das, wenn man keinen Raubbau treibt, vielfach vorhanden ist. 2. Implizites Wissen über menschliches Handeln. Das geht in Richtung ‚Hausmannskost‘, also nichts Elitäres 3. Automatisierte Roboterpräzision. Also unter Zuhilfename modernster Technik 4. Heuristischer Prozess. Es geht ans Abschmecken! Alle Sinne sind beteiligt. Ergo: Kein Formelwissen. Rezept: Man nehme Zutaten, die allgemein zugänglich sind. Verrühre sie mit Deinen Erfahrungen und Deinem Wissen. Verwende Mixer, Häcksler alles, was die moderne Küche an „Haushaltsgeräten“ bietet. Nichts ist zu banal. Der besondere Clou des Rezepts ist der direkte Zugriff auf das, was Du schon mal gedacht hast aber dich nicht getraut hast, es verarbeiten zu dürfen. Setze Deine Geschmacksknospen und Neurotransmitter nach gusto ein! Schmeck ab! Dein Gehirn und Geschmackssinn kochen mit und sagen Dir, was Dir schmecken wird!.

Face to face: Walter Benjamin-Messias contra Apokalypse

Face to face: Walter Benjamin-Messias contra Apokalypse Zum 2. Mal also Walter Benjamin. Das 1. Mal war vom Abschied die Rede [Mein Beitrag: Übergangszone und Grenzgebiet: Küste. Walter Benjamin, Gedächtnis der Namenlosen https://mb-today.de/moseskorb/). Jetzt, in diesem Beitrag, ist Wiederkehr das Thema und ein nicht-linearer Zeitbegriff (https://mb-today.de/moseskorb/). Benjamin kritisiert damit die bürgerliche Geschichtsschreibung derzufolge „die Geschichte der Menschheit ein evolutiver Prozess ist, stetig nach vorn laufend“ (Christian Modehn, Walter Benjamin und der Messias; https://religionsphilosophischer-salon.de/keys/walter-benjamin-und-der-messias). Dieser linear gedachten  Zeit stellt Benjamin das „Eingedenken“ gegenüber, das an einzelne tiefer gehende Erfahrungen und Erlebnisse anknüpft, was ein anderes Geschichtsverständnis zur Folge hat, eines, das mit Hoffnung auf Erlösung, eben dem „messianischen Gedanken“, zu tun hat (Modehn a.a.O.). In ihm kommt zum Ausdruck, dass Benjamin von der „Steuerung“ des undogmatischen „historischen Materialismus“, dem er anhing, durch eine der jüdischen Heils- und Messiaserwartung verbundenen Hoffnung ausging (Modehn a.a.O.). Dies ist mithin die Gegenthese zur weit verbreiteten Vorstellung einer unentrinnbaren apokalyptischen Endzeit, der wir entgegengehen. Ich selbst erinnere mich an einen plakativen Fortschrittsglauben, angefacht durch Bildbände, wie Die Wunderbare Welt, passend als Weihnachtsgeschenk für Jugendliche. Phantasien, wie die Zukunft aussehen könnte, wurden vereinnahmt als die Zukunft, und das gegenüber einer Bevölkerung, hinter der lange Geschichte von Not und Kriegen lag. Die Enttäuschung war umso grösser. Sie befeuerte apokalyptische Vorstellungen darunter viele Verschwörungstheorien. In Walter Benjamin, aus einer assimilierten jüdischen Familie des Berliner Großbürgertums stammend, lebte die jüdisch-christliche Hoffnung auf den Messias, die allen Menschen galt. Benjamin interessierte sich für „allegorische“ Bilder“ wie beispielsweise das „bucklicht Männlein“, ein Bild für unansehnliche, abgelehnte Triebkräfte, die aber die Dynamik des Geschichtsprozesses versinnbildlichen. Ein anderes Bild für sich als Philosoph fand Benjamin im „Lumpensammler“ , der „Redelumpen und Sprachfetzen“ aufspiesst, um sie unter den Stichworten ‚Menschentum‘, ‚Innerlichkeit‘, ‚Vertiefung‘ seiner Sammlung hinzuzufügen (Astrid Nettling, „Ich pflücke Blumen am Rande des Existenzminimums“ DLF (26.09.2010). Direkter kann man Kritik an den „Meisterdenkern“, denen es zuerst um Systematik und System geht, kaum formulieren (André Glucksmann, Die Meisterdenker Reinbek bei Hamburg 1978). Das „bucklicht Männlein“ war für Walter Benjamin zunächst der zeitgenössische Sozialismus. Bemerkenswert ist, dass dieser Sozialismus für den `Undogmatiker´ Benjamin hier zum Träger einer positiver Geschichtsdeutung wird. Mit dogmatischem Glauben hat das nichts zu tun. Es geht nicht um ein Lehrgebäude, sondern den „Spalt, durch den der Messias eintritt“ und der aus einer „totalen Gegenwart“ führt (Hans-Willi Weis, Hubertus Thomasius:  Der kleine Spalt, durch den der Messias eintritt kobinet-nachrichten Kolumne (15.12.2023); https://kobinet-nachrichten.org/2023/12/15/der-kleine-spalt-durch-den-der-messias-eintritt).

Face to face: KI, eine Frage der Wahrheit, die sich allen stellt, die mit ihr arbeiten

Face to face: KI, eine Frage der Wahrheit, die sich allen stellt, die mit ihr arbeiten Die KI simuliert ein Gespräch/Dialog. Du fragst sie. Da stellt sich vor allem eine Frage: Ist es die richtige? Fragen geht ihnen etwas voran: Ein Eindruck, eine Behauptung, eine Wissenslücke. Die KI gibt Antwort, du stellst Fragen. Vielleicht statt der, die dich wirklich umtreibt. Im intensiven Gespräch nähert man sich der Wahrheit. Keiner hat völlig und grundsätzlich recht. Der Anspruch auf Wahrheit wird im Dialog-Prozess konkretisiert und durchgefochten. Franz Rosenzweig, Philosoph und kongenialer Partner von Martin Buber, sagt über das Gespräch , es „weiß nicht im voraus, wo es herauskommen wird; es lässt sich seine Stichworte vom andern geben“ (Rosenzweig zitiert nach Volker Demuth: Heiteres Mäandern. Über Vorzüge des geschwungenen Lebens. DLF (14.12.2025); https://www.deutschlandfunk.de/heiteres-maeandern-100.html). „In jedem Moment kann es irgendwo Anstoß und eine andere Richtung nehmen. Gespräche schlingern, schwingen, mäandern, was einen linearen Ablauf ausschließt … .“, so Demuth weiter (Demuth o.a.O.). Damit wird klar, warum viele von uns um Gespräche „einen Bogen“ machen. Es ist zu unberechenbar. Es kann eine Wendung nehmen, die einem nicht gefällt. Man wird ertappt. Oder fühlt sich jedenfalls so. Mit der KI kann es ähnlich sein. Anfangs fasziniert die Eindeutigkeit, aber die ist oft vordergründig und unbeständig, gebunden an den KI-Anbietert noch dazu den Zeitpunkt der Abfrage. Deshalb nenne ich bis auf weiteres KI, Künstliche Intelligenz, auch gKI, gesamtkünstliche Intelligenz. Weil nicht nur Details gefälscht, sondern das ‚Gesamtbild‘ verfälscht wird. Das umfasst dann die Identität der Personen, weiter die Bedingungen, unter denen es geschieht somit alle Details mit Aussagekraft. Sprich: die Gesamtaussage. Schon allein deshalb ist der Umgang mit der KI eine Frage der Wahrheit. Jeder muss für sich entscheiden, wo Fälschung und Lüge letztlich das Gesamtbild verfälschen. Weder Verharmlosung noch Dämonisierung ist die Lösung. Aber es gibt die Chance, die Sensoren der Wahrnehmung so zu verfeinern, dass wir reale Bedrohungen registrieren ohne Gefährdungen zu dramatisieren. Die vier Risikostufen des EU AI Act (Artificial Intelligence Act) von minimal über gering, hoch bis unvertretbar bedürfen ständiger Feinjustierung.   Warum werden Fälschungen und Verfälschungen für uns überhaupt zu einem solchen Problem? Vieles liesse sich unproblematisch klären. Interesse an einer Lösung und eigener Vorteil stehen Pate.  Es ist der Wunsch, etwas Besonderes zu sein und darzustellen, „der Wunsch, etwas Besonderes zu besitzen“ heisst es im Kommentar über den „genial-erfolgreichen Bilderfälscher Wolfgang Beltracchi. Einen Campendonk, Max Ernst, Fernand Léger, Max Pechstein fälschte er über Jahrzehnte so perfekt, dass er gar nicht wusste, wohin mit den Millionen (True Art Crime – Verbrechen in der Kunst Film von Corinna Hobig, Ole Siebrecht 3sat 2025, https://www.zdf.de/play/dokus/true-art-crime–verbrechen-in-der-kunst-movie-100/true-art-crime-verbrechen-in-der-kunst-100). Kein Experte hat es gemerkt. Ein Vorgang, der nur durch einen Akt „visueller Empathie“ erklärbar ist. Solch ein Bild, das in puncto Wahrheit verführen will, auch immer wieder verführt hat, ist die Zukunft. Aber warum handeln wir so? Eine Antwort: Wir wollen zu gern glauben, dass dies oder jenes die Zukunft ist. Und übersehen die „kleinen“ Webfehler. Hinterher ist dann klar: Wie konnte ich! Oder: Ich versteh mich selbst nicht.