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Jens Jürgen Korff: Wie Untergangsszenarien die Kommunikation stören. Antwort auf Jean-Paul Kühne

Als Gefahren für „den kommunikativen Zusammenhang der Gesellschaft“ sehen Sie u. a. Untergangsszenarien, die als „unabwendbare Erkenntnisse“ präsentiert werden, und die Missachtung der Natur als Subjekt, das mit uns Menschen kommuniziert. Als Klimaschützer und Naturschützer habe ich mit beiden Phänomenen zu tun, als Antifaschist und Pazifist zusätzlich mit dem ersten Phänomen, doch alles auf eine recht widersprüchliche Weise. In den eigenen Reihen, in der Klimaschutzbewegung, stoße ich oft auf Untergangsszenarien: Man zeigt einen Planeten, der Fieber hat, in Flammen steht, dessen Inseln und Küstengebiete überflutet werden usw. Alles das wird gerne zusammen mit dem Ruf „Hört auf die Wissenschaft!“ an die Wand gemalt. Als hätte „die Wissenschaft“ als Faktum festgestellt, dass Amsterdam im Jahr 2051 untergehen werde. Das hat sie nicht, denn eine Prognose mag eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben, sie ist aber nie ein Faktum. Sie mag Gegenmaßnahmen, also Klimaschutz, zu einem ethischen Gebot machen, aber sie stellt nicht fest, was passieren wird. Schon deshalb nicht, weil Prognosen stets selbst den weiteren Verlauf der Geschichte beeinflussen. Insofern stimme ich Ihrer Einschätzung zu, dass Untergangsszenarien die notwendige Debatte, die immer eine ethische ist um die Frage, wie wir handeln sollen, eher behindern als fördern.

Das gilt natürlich erst recht für die Untergangsszenarien, die von Nationalisten und Rassisten erzählt werden: »Deutschland schafft sich ab«, der »Bevölkerungsaustausch«, der »Untergang des Abendlandes«. Diese ignorieren einfach, dass die Kinder und Enkelkinder von Migrantinnen selber keine Migranten mehr sind, dass sie sich auf tausendfache Weise an ihr Heimatland, das ihr Geburtsland ist, anpassen und ein Teil davon werden.

Die Natur als Subjekt der Kommunikation wirft Fragen auf. Es gibt eine recht plakative und vorder­gründige Art, die Natur als Subjekt zu sehen, das ist die Ansicht, die Natur werde sich an den Menschen für die ihr angetane Schmach rächen. Auch diese Ansicht begegnet mir in den eigenen Reihen. Ich halte sie für abwegig, aus zwei Gründen: Sie projiziert niedrige Beweggründe, die es bei manchen Menschen gibt, in die Natur hinein; und sie tut, genau wie die Naturzerstörer, so, als seien Natur und Menschheit zwei getrennte Welten. Wer die Menschen für einen Teil der Natur hält wie ich, für hilfsbereite Affen, die sich morgens die Zähne putzen und Tee trinken, der kann kaum annehmen, dass sich jemand an uns rächen wird. Doch auch diejenigen, die vermeintliche Motive „der Natur“ zu ihren eigenen machen und als Anwälte der Eisbären gegen die Anwälte der Ölkonzerne in den Ring steigen, könnten einem Denkfehler zum Opfer gefallen sein. Sie haben weder die Eisbären noch die Wespenspinnen gefragt, was sie tun sollen. Die Wespenspinnen würden wahrscheinlich antworten: „Es wird wärmer in Mitteleuropa? Das haben wir gemerkt und sind eingewandert. Wo ist das Problem?“

Wie lösen wir das Problem, dass manche Menschen glauben, die Natur gehört zu haben, und andere das bestreiten? Haben die mit den besseren Ohren für die Natur größere Rechte, zusätzliche Stimmrechte bei der Wahl? Wer ist befugt, welche Tier-, Pflanzen- oder Pilzarten im Diskurs zu vertreten? Welchen Arten geben wir Stimmen und welchen nicht? Sind Tiere mehr wert als Pflanzen? Ist eine Mücke mehr wert als eine Linde? Ich glaube, dass solche Fragen uns nicht weiterführen. Ich glaube, dass wir als Menschen, die Hochwasserkatastrophen vermeiden wollen, nur als solche, als Menschen und Kellerbesitzer, gegen Menschen, die ihren Monster-Pickup fahren wollen, auftreten können.

Zugleich könnte eine solche Bescheidenheit, eine Rücknahme von Allvertretungsansprüchen und ein klares Artikulieren von persönlichen Interessen und Wünschen, im Dialog mit Verbrennungs-Konservativen und Betonköpfen hilfreich sein, weil es die Streitthemen auf den Tisch des Hauses legt.