mb-today.de: OEKO DIALOG

Face to face: Walter Benjamin-Messias contra Apokalypse

Zum 2. Mal also Walter Benjamin. Das 1. Mal war vom Abschied die Rede [Mein Beitrag: Übergangszone und Grenzgebiet: Küste. Walter Benjamin, Gedächtnis der Namenlosen https://mb-today.de/moseskorb/). Jetzt, in diesem Beitrag, ist Wiederkehr das Thema und ein nicht-linearer Zeitbegriff (https://mb-today.de/moseskorb/). Benjamin kritisiert damit die bürgerliche Geschichtsschreibung derzufolge „die Geschichte der Menschheit ein evolutiver Prozess ist, stetig nach vorn laufend“ (Christian Modehn, Walter Benjamin und der Messias; https://religionsphilosophischer-salon.de/keys/walter-benjamin-und-der-messias). Dieser linear gedachten  Zeit stellt Benjamin das „Eingedenken“ gegenüber, das an einzelne tiefer gehende Erfahrungen und Erlebnisse anknüpft, was ein anderes Geschichtsverständnis zur Folge hat, eines, das mit Hoffnung auf Erlösung, eben dem „messianischen Gedanken“, zu tun hat (Modehn a.a.O.). In ihm kommt zum Ausdruck, dass Benjamin von der „Steuerung“ des undogmatischen „historischen Materialismus“, dem er anhing, durch eine der jüdischen Heils- und Messiaserwartung verbundenen Hoffnung ausging (Modehn a.a.O.). Dies ist mithin die Gegenthese zur weit verbreiteten Vorstellung einer unentrinnbaren apokalyptischen Endzeit, der wir entgegengehen. Ich selbst erinnere mich an einen plakativen Fortschrittsglauben, angefacht durch Bildbände, wie Die Wunderbare Welt, passend als Weihnachtsgeschenk für Jugendliche. Phantasien, wie die Zukunft aussehen könnte, wurden vereinnahmt als die Zukunft, und das gegenüber einer Bevölkerung, hinter der lange Geschichte von Not und Kriegen lag. Die Enttäuschung war umso grösser. Sie befeuerte apokalyptische Vorstellungen darunter viele Verschwörungstheorien. In Walter Benjamin, aus einer assimilierten jüdischen Familie des Berliner Großbürgertums stammend, lebte die jüdisch-christliche Hoffnung auf den Messias, die allen Menschen galt.

Benjamin interessierte sich für „allegorische“ Bilder“ wie beispielsweise das „bucklicht Männlein“, ein Bild für unansehnliche, abgelehnte Triebkräfte, die aber die Dynamik des Geschichtsprozesses versinnbildlichen. Ein anderes Bild für sich als Philosoph fand Benjamin im „Lumpensammler“ , der „Redelumpen und Sprachfetzen“ aufspiesst, um sie unter den Stichworten ‚Menschentum‘, ‚Innerlichkeit‘, ‚Vertiefung‘ seiner Sammlung hinzuzufügen (Astrid Nettling, „Ich pflücke Blumen am Rande des Existenzminimums“ DLF (26.09.2010). Direkter kann man Kritik an den „Meisterdenkern“, denen es zuerst um Systematik und System geht, kaum formulieren (André Glucksmann, Die Meisterdenker Reinbek bei Hamburg 1978). Das „bucklicht Männlein“ war für Walter Benjamin zunächst der zeitgenössische Sozialismus. Bemerkenswert ist, dass dieser Sozialismus für den `Undogmatiker´ Benjamin hier zum Träger einer positiver Geschichtsdeutung wird. Mit dogmatischem Glauben hat das nichts zu tun. Es geht nicht um ein Lehrgebäude, sondern den „Spalt, durch den der Messias eintritt“ und der aus einer „totalen Gegenwart“ führt (Hans-Willi Weis, Hubertus Thomasius:  Der kleine Spalt, durch den der Messias eintritt kobinet-nachrichten Kolumne (15.12.2023); https://kobinet-nachrichten.org/2023/12/15/der-kleine-spalt-durch-den-der-messias-eintritt).