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Face to face: Václav Havel – Experte in Sachen Wahrheit  

Der Politiker und Dissident Vaclav Havel war wie wenige in der Lage, den Charakter  von Wahrheit am Beispiel seines eigenen Lebens zu demostrieren. Wie kam es dazu:

1. Havel engagiert sich politisch. Er hat es mit ideologisch begründeter Politik zu tun. Er entzieht sich der politischen Realität nicht, leistet aber Widerstand.

2. Havel engagiert sich persönlich. Das bezahlt er mit Freiheit und Erfolg.

3. Dabei reicht die Spannbreite seines Denkens bis ins grundsätzlich Philosophische.

Die Wahrheitsfrage ist für Havel keine hypothetische, sondern eine Gewissensfrage. Denn Ideologie hat zwar in unserer Gesellschaft heute ihren Herrschaftsanspruch verloren, letztlich spielen ideologisch begründete Motive, ob kapitalismuskritisch oder rechtsautoritär, nach wie vor eine Rolle. Fällt die Begründung auch verschieden aus, Überzeugungen bleiben ‚tragender‘ Teil des demokratischen Engagements.

Václav Havel wurde in Aushilfstätigkeiten gedrängt, doch ihm „gelang es, die Schere zwischen zugewiesener sozialer Rolle und selbst bestimmter Identität zu schließen“, (https://deutsch.radio.cz/des-kaisers-neue-kleider-vaclav-havel-und-das-leben-wahrheit-8579214). Über Jahre publizierte und arbeitete er im Untergrund, kam für vier Jahre ins Gefängnis, aber er gewann so das Vertrauen derer, die ihn schliesslich zum Staatpräsident wählten. (ebd.)  

Der folgenden Betrachtung liegt ein Audio-Dokument zugrunde, das Havels historische Rede als gewählter tschechoslowakischer Präsidentüber Lügen und Wahrheit von 1989 auf Deutsch nachzeichnet (Lügen und Wahrheit von Václav Havel – https://www.youtube.com). Havel argumentiert hier systemimmanent und weist das Faktum der Lüge im System nach. Dazu bedient er sich zunächst der optischen Anschauung, die zwar selektiv aber allgemein zugänglich ist, wie Havels Blick auf Industrie- und Wohnwüsten zeigt. Sein Schluss, Totalitarismus sei im Kern verweigerte Wahrnehmung, wird so verstehbar. Die  Zuhörer können daher auch etwas anfangen mit Havels Schlussfolgerung, diese Verweigerung färbe negativ ab auf die Moral, blockiere das Offenbaren der Missstände und verkehre letztlich die Deutungen und Begriffe in ihr Gegenteil.

Daraus wird deutlich: Das Etikett ‚ideologiekritisch‘ für Havel greift zu kurz. Es geht Havel nicht einfach um Ideologie, es geht ihm um das Erblinden durch ideologische Begriffe und Konstruktionen. Nicht zuletzt deshalb, weil diese auf einem höherem Niveau der Abstraktion stattfinden wie die auf einfacher Anschauung basierenden Begriffe. Aber auch diese sind keineswegs frei von Wahrnehmungsverzerrungen. Mit wachsender Entfernung vom Anschauungsobjekt nehmen in der Tat Verkennungen der Wirklichkeit, vulgo Blindheit zu. Naheliegend ist das, wenn Begriffe und Realität sich frontal widersprechen. Weil heutzutage ganz offen auch Fakten erfunden werden (Fake News), ist Wahrheit nicht nur von der Begriffs- sondern auch von der Faktenseite her bedroht. Havels Antwort darauf lautet: Widerstand leisten durch Beteiligung und Bezogensein aufeinander. Die Bereitschaft, sich zu befreien, bleibe nämlich auch dann vorhanden, wenn sie lange verschüttet war (ebd.). Beteiligung aktiviere Freiheit. Respekt voreinander käme als weiterer Effekt hinzu. Dieser Gedanke hat aus meiner Sicht eine aktuelle Konsequenz: Statt stetem Beschwören des Unheils bietet sich als Alternative ein realistisches Registrieren von Niederlagen aber auch von Siegen bspw. in demokratischen Wahlen an.

Wie jeder Wert lässt auch Wahrheit Erkenntnisse zu, die sich nicht unmittelbar erschliessen. Janusz Korczak, polnischer Pädagoge, spricht von der Würde der Lüge“ und erzählte seinen Schützlingen auf dem Weg ins Konzentrationslager von blühenden Wiesen und Wäldern (ebd.). Ein Motiv, das ich auch im Film Jakob der Lügner finde (DEFA 1974, 1999). Das bedeutet: Selbst in seiner offenen Verkehrung ist der Wert Wahrheit in der Lage, Substanz zu offenbaren, auch wenn sie den eigenen Begriffshorizont übersteigt.