Face to face: Giorgio Agamben oder die Freiheit zu denken, wie und was man will
Am Anfang der Erkenntnis steht die Frage. Also auch am Anfang der Wissenschaft. Die Fragen entwickeln sich im Leben. Lebenswelt und Wissenschaft verweben sich permanent. Einige Beiträge vorher sprach ich von ‚Patchwork‘. Ein Begriff, der auch für die Systematik von Kunst und Wissenschaft passt. Auch die hat sich im Lauf der Zeit geändert. So sehr, dass dies als Deutungsrahmen für Erkenntnisse und Aussagen heute von Belang ist. Das ist auch abzulesen am Verständnis von Wissenschaft, wie es der Philosoph Giorgio Agamben formuliert (Kurt Appel, Die Wahrnehmung des Freundes in der Messianität des Homo sacer. Geschichtstheologische Überlegungen nach Giorgio Agamben. Uni Tübingen https://publikationen.uni-tuebingen.de › xmlui › bitstream › handle › 10900 › 146638 › Appel_029.pdf).
Agamben rekurriert nicht nur auf die Philosophie sondern im Zusammenhang damit auch auf die Theologie und nennt (u.a.) Heidegger, Michel Foucault, Hannah Arendt, Walter Benjamin als Kronzeugen. Das sagt uns: Heute herrscht ein Verständnis vor, das von der Pluralität der Wissenschaften d.h. ihrer grundsätzlichen Gleichwertigkeit ausgeht. Dem steht das scholastische Denken entgegen, das, der Wertehierarchie des Mittelalters verpflichtet, der Theologie Vorrang gibt und die Philosophie als deren „Magd“ sieht. Ein Verständnis, das nicht, folgt man Agamben, „von gestern“ ist, sondern die Voraussetzungen unseres Denkens erhellt. Das Mittelalter kannte nicht nur eine andere Systematik der Wissenschaften und Künste, sondern in dieser auch eine Hierarchie, nämlich den alles durchdringenden Gottesbezug. Da also kommen wir her, auch im Denken wie z.B. vom Allgemeinen zum Besonderen. Das Besondere ist dann bspw. nicht nur das Individuelle oder die Kindheit, sondern steht in einem Verhältnis zum grossen Ganzen und gilt so auch für jeden von uns. Auch nachdem die Scholastik als verbindliches Wertsystem passé ist: Ich kann mir aussuchen, was in meiner Weltsicht das letzte Wort haben soll, ob Philosophie, Theologie, Psychoanalyse, Soziologie oder mein ganz eigener Mix. Zu den Denkern der Jetztzeit, die einen sehr „eigenwilligen“ Mix von Wissenschaften (und Künsten) bevorzugen und nur schwer einer Disziplin zuzuordnen sind, gehören u.a. Buber, Arendt, Agamben, Paul Virilio, Foucault, Walter Benjamin, André Glucksmann. Wie gelungen ich mich mit meinem Mix zwischen die (Lehr-) Stühle setze, merke ich an der Vehemenz der Kritik, die mir entgegenschlägt. Geht es um Interkulturelles, ist eine solche Haltung sowieso ohne Alternative, sieht man sich nur die weltweit unterschiedlichen Wissenssystematiken und Erkenntnismodelle an.
Was für Wissenschaft als Disziplin Gültigkeit hat, gilt so nicht für mich. Ich habe das Gebot pluraler Gleichwertigkeit zu achten, bin aber frei in der Wahl meiner Interpretationsmuster. Einer der Denker, ein im ursprünglichen Sinne des Wortes ‚Querdenker‘, ist Giorgio Agamben, italienischer Philosoph, der die Theologie den ihr aus seiner Sicht gebührenden Platz im Kreise der Wissenschaften einräumt.
Wir befinden uns, in einer Situation, wird Agamben von Appel zitiert, in der Geschichtsdeutungen (auch Utopien, JPK) zerfallen oder „ins Nichts führen“ (ebd., 94). Die Leerstelle bleibt nicht lange unbesetzt. Agamben denkt und schreibt – darin gleicht er dem Gesprächsphilosophen Martin Buber – aus der Auseinandersetzung heraus: „In dieser Situation zeigt es sich, dass die neuen Fantasy-Erzählungen massiv religiöse Motive aufnehmen und transformieren. Ganz besondere Bedeutung haben dabei apokalyptische Szenarien“, die Himmel und Hölle in Bewegung setzen (ebd., 80). „Die virtuelle Welt hebt Zeiten und Räume auf, macht sie beliebig auswechselbar und wiederholbar“ (ebd.81). Damit hebt Agamben die Wirksamkeit auch theologischer Begriffe und Konzeptionen ins Bewusstsein (.?.). Sein Denken macht deutlich, wie theologische Kategorien unsere Vorstellungen und „gesellschaftliche Wahrnehmungsweisen konfigurieren “ (ebd., 83). Dann kommt Agamben zum Schluss: Im Zentrum des „Gegenentwurfs“ Agambens stehe „Messianität“ (ebd., 84). Es handele sich so Appel, um Agambens „Versuch eines messianischen Gegenentwurfs (dem Walter Benjamins ähnlich in seinem Zugriff auf das „Humanum“. (ebd., 84). Dem Messianischen kommt bei Agamben demnach hoher Stellenwert zu: Sie zeigt sich darin als „radikale Immanenz und als Entwertung aller Modelle, die zwischen dem Menschen und der Erfahrung des Singulären“ treten (ebd. 101/102). Das erinnert an den Freiheitsbegriff von Hannah Arendt. „Das Handeln ist nicht unmittelbar aus dem Sein ableitbar, sondern markiert eine eigene Sphäre“, in der sich „das Subjekt quasi gebiert“ (ebd., 93).
Die Aufteilung in Wissenschaften und Künste, die uns gegenwärtig geläufig ist, ist eine andere. Die Systematik aber, so selbstverständlich sie auch erscheint, unterliegt selbst ständiger Veränderung. Der Teil, den wir beeinflussen, erschliesst sich uns durch die Freiheit.