Face to face: Dialog zwischen Hannah Arendt und Winfried Kretschmann
Martin Buber ist nicht der einzige Gesprächspartner, den wir in der jüngeren Vergangenheit haben. Winfried Kretschmann, Ministerpräsident (früher KBW-Mitglied), hat seinen Dialog mit Hannah Arendt 50 Jahre nach deren Tod 2025 in Buchform gefasst (Winfried Kretschmann, Der Sinn von Politik ist Freiheit. Warum Hannah Arendt uns Zuversicht in schwieriger Zeit gibt. Verlagsgruppe Patmos 2025). Der Dialog zwischen Kretschmann und Arendt ist wiederum Anlass für meine Aufnahme des Dialogs besonders mit Hannah Arendt.
Kretschmann folgt Begriffen Hannah Arendts, die sie in die politische Debatte gebracht hat:
Pluralismus (ebd. 7ff.): Zu meiner Schülerzeit war der Begriff verpönt. Pluralismus hatten wir im Supermarkt, Pluralismus hatten wir im Pressemarkt, das war für uns ein gesichtsloser Brei. Wir wollten Konturen, die – an den Rändern – Abgrenzungen verlangen. Heute haben wir eine andere Lage: Wir erleben Polarisierung. Pluralität bekommt einen positiven Klang.
Totalitarismus: Der Begriff stiess in weiten Teilen der politisch bewegten Jugend zu meiner Zeit auf Ablehnung. Meist sah man darin eine Gleichsetzung rechts und links. Was von rechts kam, bedeutete nationalistische Drohung, links, das hiess im kalten Krieg Diktatur.
Freiheit hatten wir sowieso, wir mussten nicht drum kämpfen.
Verantwortung war diskreditiert als Schülern zugestandene Konzession. Es gab die rechtlich schwache SMV Schülermitverantwortung.
Wahrheit beansprucht bei Kretschmann breiten Raum (vgl. 99 ff.). Darin macht er die Probe aufs Exempel. Und das Exempel ist: Wahrheit. Auch die Wahrheit „in der Meinung des anderen“ (ebd. 21). An ihr erweist sich Freiheit, Freiheit sei der Sinn all seiner politischen Engagements. Diese würden erst durch die Wahrheit real, es liesse sich auch sagen: wahr. Dafür benötigen sie Macht, die für Arendt durch gemeinschaftliches Handeln zustande kommt (ebd. 75). Auch das im Widerspruch zu einer generalisierenden Machtkritik.
Vor die Wahrheitsfrage im politischen Raum wurde ich erst später gestellt: 1968. Niederschlagen der Befreiungsbewegung in der Tschechoslowakei. Ich stand fragend vor meinem eher linken Lehrer. Warschauer Pakt und Nato sind wie zwei Hunde, die an ihren Leinen zerren und sich ankläffen, so sein Befund. Noch später wurde mir Vaclav Havel wichtig. Systematische Lüge in einem gewalttätigem Kontext war sein Thema (ebd.102). Heute sprechen wir da auch von Fake-News. Kretschmann wird da konkreter und fordert eine europäische Social-Media-Plattform (ebd. 118 ).
Hannah Arendts akademische Gesprächspartner war ein bunter Haufen (u.v.a.): Karl Jaspers Romano Guardini, Nicolai Hartmann, Rudolf Bultmann, Martin Heidegger, letzterer auch Lebenspartner. Das fällt auf: Gegensätze beherrschen das Bild.
Zu Marburg, einer der Studienorte Arendts, hatte ich einen persönlichen Bezug. Waren wir als Familie da, gingen wir ins Café Vetter, hoch über der Lahn. Im Café Vetter tobten enige bunte Vögel in Volieren und Käfigen, im Fernsehen lief die Übertragung der Olympischen Spiele aus Rom. Mein Vater erschien mir entspannt, wenn wir da waren. Es gab noch ein Café, das Café Maldaner in Wiesbaden, das wir immer wieder besuchten. Da war er schon als Junge mit seiner Mutter gewesen. Im Maldaner dominierte damals eine bürgerliche Salon-Atmosphäre. Und dann gab es noch das Café Wien, eher eine Kneipe, nahe der Schule. Oberstufenschüler nutzten es zusammen mit jungen Lehrern als Ausweichort während der ausgefallenen Unterrichtsstunden. Das Café Wien blieb eine leere Versprechung und degenerierte zur Kliquenwirtschaft.
Die (christlichen) Werte sind heute längst eingewandert in Alltagsethik und -moral. Eine besondere aber auch missliche Situation: Einerseits sind die Werte weg – andererseits sind sie da, aber woanders, nicht dort, wo wir sie erwarten, sozusagen in profaner Gesellschaft.
Eine Situation, in der wir uns von aussen, nicht länger nur aus der Binnenperspektive des Ich betrachten: Die Perspektive relativiert macht uns insgesamt aber handlungsfähiger. Eine Perspektive mit Zukunft, wie sie jeder einzelne Mensch hat (ebd.17). Bei Hannah Arendt ist das Positive Thema! Und zwar deshalb, weil sie sich auf den unverwechselbaren aktiv handelnden Menschen konzentriert. Für Arendt hat dieser Mensch Zukunft (ebd. 123 ff). Eine Zukunft, die „ausgehandelt“ werden muss (ebd. 19). Auch Arendts Innovationsbegriff lebt von der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen „Sichtweisen und Logiken“ (ebd. 96). Wie radikal Hannah Arendts und mit ihr Winfried Kretschmanns Wertschätzung des Handelns ausfällt, zeigt folgender Satz: „Das Handeln des Menschen zerschneidet die Zeit und teilt das chronologische Kontinuum in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ (ebd. 130).
All dies aber beweist sich nicht nur im Dialog, es wird auch angestossen durch den Dialog, wie den zwischen Kretschmann und Arendt. Arendt kritisiert die Ent-Individualisierung von Menschen in Diktaturen und setzt ihre Hoffnung auf den unverwechselbaren Beitrag des Menschen (ebd. 50 f.), der aktiviere und zum Handeln auffordere.