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Face to face: Frantz Fanon  

Frantz Fanon wäre dieser Tage hundert Jahre geworden. Frantz Fanon (1925 in Martinique – 1961 in Maryland/USA), Psychiater, Sozialtheoretiker, Politiker, lässt mich an Georg Büchner denken, angehender Arzt, Revolutionär, im 19. Jahrhundert ins Exil getrieben. Einer, der die Brüche seines Lebens nicht überdeckte, sondern ausfocht, wie Fanon. 

„Wir Farbigen weigern uns, Außenseiter zu sein, wir nehmen voll und ganz teil am Schicksal Frankreichs“ (nach Wikipedia zitiert: Frantz Farnon, zuletzt bearbeitet am 17. Okt. 2025). Die 68er waren hierzulande die, die sich ausdrücklich auf den Revolutionär Georg Büchner in ihrem politischen Kampf bezogen, das war vor jetzt ca. 50 Jahren. Anders als Fanon beriefen sie sich aber nicht auf das Bürgertum, sondern stellten es frontal als Problem in Frage. Als ich Schüler war, fehlten mir Ansprechpartner, damals ‚Establishment‘ genannt. Unsere (jungen) Lehrer und Professoren, waren selbst oft Teil des Protests. Und die, die Älteren schwiegen, waren meist froh, wenn  sie nicht zur Rede gestellt wurden.

Fanon blieb Bürger und handelte als Bürger. Er ging nach Tunis und schloss sich offiziell der algerischen Unabhängigkeitsbewegung an, war Mitherausgeber eines zentralen Presseorgans und als Diplomat zuletzt Botschafter der provisorischen Regierung Algeriens in Ghana.  Obwohl als ‚people of color‘ und Einwohner von Frankreich d’outre-mer (Martinique) doppelt deklassiert, nahm er das „Angebot“, sich als „Aussenseiter“ zu verstehen und zu verhalten, nicht an. Und nicht nur das:

„Ihn trieb um, wie gesellschaftliche Verhältnisse die Lebenswirklichkeit und das Selbstempfinden von Menschen prägen, wie Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse Sein und Bewusstsein formen und wie gesellschaftliche Verhältnisse eingerichtet sein müssten, um allen ein Leben in Würde zu ermöglichen“ so Teresa Koloma Beck (19.10.2025): Frantz Fanon. Crashkurs in Zorn, Würde und dem Preis der Revolte, Dlf).

Der Kampf gegen koloniale Strukturen war die Klammer, die sein Leben mit antikolonialen Bestrebungen verband: „Befreiung bedarf nicht nur der Arbeit an den äußeren Verhältnissen, sondern immer auch der intensiven Arbeit am Selbst“ (ebenda). Fanons Engagement und seine Existenz gehen unmittelbar ineinander über: „Die kolonisierte Welt ist eine zweigeteilte Welt“ (ebenda). Fanon kommt also nach globalen antikolonialen Engagements wieder bei sich an, und zwar ohne sich in einer unproduktiven Nabelschau zu verfangen.

Wäre es nicht vor allem existentiell wahr, gäbe es eine gute Pointe ab, dass angesichts der von ihm kritisierten kolonialen Zweiteilung der Welt Fanon einer blieb, der mit sich eins war.