Face to face: Beziehung kommt zustande, wenn ich zuhöre
Hör zu! Lass sie ausreden! Unterbrich sie nicht! Ermahnungen dieser Art sind Legion. Sie ändern wenig. Wir haben uns an solche Ordnungsrufe gewöhnt. Insbesondere wenn wir in Rage geraten. Recht und Ordnung sind zu schwach, so scheint es, um Emotionen und Machtstreben zu zügeln. „Das Wort abschneiden“, allein diese Formulierung zeigt, wieviel Dramatik im Spiel ist. In der Tat gibt’s viel abzuschneiden. Wir denken und sprechen oft und gern in Monologen, in geschlossenen Argumentationsketten. Nur wer vorb in (inneren) Dialogen denkt, in pro und contra seiner Argumentation, gibt auch dem anderen Raum. Die Gewissheit, dass es noch andere Sichtweisen gibt, ist nicht zu verwechseln mit Meinungslosigkeit und Opportunismus. Im dialogisch angelegten Gesprächsbeitrag steckt eine Toleranz, die nicht mehr extra formuliert werden muss.
So entsteht mit dem Zuhören Beziehung. Denn: Hören ist neben dem Tasten einer der ersten Sinne, mit denen wir miteinander in Kontakt kommen und Beziehungen aufbauen (Dörte Hinrichs, Dagmar Röhrlich, Christine Watty, Emily Thomey u.a. (06.09.2023): Zuhören lernen – wie geht das?,Dlf, (online)https://www.deutschlandfunk.de/aktives-zuhoeren-lernen-kommunikation-100.html. Aber auch später spielt in der Beziehung das Hören eine wichtige Rolle. Signale und Impulse wechseln im Millisekundenbereich zwischen Sender/Empfänger und Empfänger/ Sender hin- und her. Dazu kommt, meist unterbewertet: Die Frequenz. Auch wenn’s nur ein tierisches „mäh“ ist, das im Wesentlichen der Ortsbestimmung des Schafs dient.
Die Frequenz muss so dicht getaktet sein, dass die Signale in Beziehung miteinander gebracht werden, so dass von Reaktion oder Antwort gesprochen werden kann. Auch die Frequenz ist ein Beziehungsbaustein. Zuhören kann man uns ansehen, ähnlich, wenn auch nicht immer ganz so auffällig wie beim Hörspezialisten Hund, der das durch Neigen des Kopfes, Aufstellen der Lauscher u.a. signalisiert. Nur in Ausnahmefällen des völligen Hingerissenseins dagegen sollten wir „an den Lippen der Sprecher hängen“. Ersparen Sie mir den Smiley.
Aber gegen ein sachtes freundliches Nicken spricht nichts. Merken Sie? Wir sind beim Thema Zuhören und schon mitten im (inneren) Gespräch. Können Sie mir folgen?
Hören ist sowohl eine persönliche Fähigkeit als auch eine gesellschaftlich-politische Kategorie. Den Bürgern zuhören ist heute ein fester Terminus im politischen Geschäft. Antwort von Politikern: Wir haben verstanden.