mb-today.de: OEKO DIALOG

Zum Beispiel: Paludi-Kultur

Paludi meint ursprünglich Moor, Sumpf. Paludi-Kultur ist die landwirtschaftliche Nutzung mooriger und sumpfiger Gebiete. Sümpfe sind Wasser und Land, besser: weder Wasser noch Land. Oder salopp gesagt: weder Fisch noch Fleisch. Damit sind wir beim Tier und der Nahrung, damit bei den Ernährungsvorschriften. Und damit ganz wesentlich bei der Religion.

Wer dies übergeht, wird sich nicht klar darüber, wie elementar wir durch Ernährungsegeln bis heute bestimmt werden. Und zwar besonders dann, wenn uns diese gar nicht bewusst sind! Ernährungsgebote haben über Jahrhunderte mittels Ekel, Abneigung und Geschmack ihre Wirkung entfaltet. Diese Mischung aus Tabu, Sympathie, Antipathie und Chemie hat sich in uns hartnäckig festgesetzt. Beispiel: Pferdefleisch, nahrhaft und gesund, Papst Gregor III. hat im Jahr 732 das Essen von Pferdefleisch verboten. Bis heute ist in weiten Kreisen Pferdefleisch nicht akzeptiert. Hundefleisch ist aktuell in Südkorea auf den Index gekommen, für Hindus sind Kühe heilig, Muslime und Juden meiden Schweinefleisch.

Dieser in Fleisch und Blut übergegangene Widerwillen findet nicht selten seine Entsprechung im Verhältnis zur Natur. Zum Beispiel: Feuchtgebiete. Sümpfe und Moore sind Verkehrshindernisse und stehen ebenso der landwirtschaftlichen Nutzung entgegen. Grund genug, sie auf die Liste der unnützen und unrentablen Flächen zu setzten. Solche Gebiete sind aber auch Refugien und Rückzugsgebiete für Verfolgte, Menschen wie Tiere, sowie: Anker der Hoffnung in Zeiten von Öko-Krisen. Wir summieren den CO2-Speichergehalt der Moore und kommen zu Ergebnissen, die Hoffnung machen.

Nehmen wir das Moor, und was dort wächst und von ihm lebt, näher in Augenschein: Ob Weiden, Seggen, Rohrkolben, Schilf oder Gras: die Verarbeitung reicht vom traditionellen Weidenflechten, vom Schilfdach bis zum computerisierten Digital Wicker (https://ddf.ieb.kit.edu/downloads/WS21_22%20Brochures/DDF_Digital%20Wicker_brief.pdf). Dies digital konstruierte und hergestellte Flechtwerk bietet besonders auch vielfältige Lösungen für die Bauwirtschaft. Dazu kommen Schmuckelemente und Accessoires in allen Variationen. Und zwischen all den Feuchtpflanzen, gern im Wasser weidend, steht der genügsame, kommerziell gut verwertbare, Wasserbüffel (www.kaufnekuh.de/de/rassen/wasserbueffel).

Last, not least, weil es mittlerweile so selbstverständlich ist: Wirtschaften am und im Wasser löst Branchengrenzen auf. So stellt die Landwirtschaft in Form von nachwachsenden Rohstoffen nahezu unbegrenzte Ressourcen für Industrie und (Bau-) Wirtschaft zur Verfügung. Um diese Hersteller herum siedeln sich produktionsnah und umweltfreundlich  Dienstleister an: Designer, Gastronomen, Handwerker. Viele Feuchtpflanzen sind „Allerweltsrohstoff“ und nicht auf Sümpfe angewiesen. Sie wachsen an Straßenrändern, Gräben, Teichen, Flüssen, sowieso in unbewirtschafteten Niemandsländern, also so gut wie überall, wo es der Natur überlassen wird. So entstehen aus Faser-Verbundstoffen, Knöpfe, Verbindungselemente und Werkzeuge. Man sieht sie vor sich: Figuren am Weihnachtsbaum, Knöpfe an der Oeko-Fashion-Jacke, Befestigungselemente bei der Elektro-Installation, die den Markt erobern. Werkstoff-Kombinationen, die gegen unendlich tendieren.

Paludi-Kulturen beenden, wo sie praktiziert werden oder renaturiert werden, die Monokulturen, die viele der Öko-Krisen erst verursacht haben. Dazu kommt, auch ökonomisch, die Wiederbelebung der Diversität, schon dadurch, dass Effektivität und Effizienz nicht mehr nur die einzig entscheidenden Koordinaten sind. Am Horizont taucht ‚Diversität‘ zudem als Wert  auf, ein Wert, der lange kaum eine Rolle spielte, jetzt aber auf gesamtgesellschaftlich wachsende Resonanz stösst. 

Alternativen sind Antworten  

Buber playdiert für das „gesprochene Wort“. Das gesprochene Wort unterscheidet sich fundamental von anderen Formen. Es kommt aus einer spezifischen Situation, präzisiert einen Gedankengang, zielt auf vorangegangene Meinungsäusserungen und ist eingebettet in einen Zusammenhang. Trotzdem steht es für sich. Ein Wort kann eine Situation völlig neu beleuchten. Trotz und alledem ist es Teamplayer, braucht Bezüge, Unterstützung, ist Teil eines Gesprächs, kommt selten allein, erlaubt angepasste Reaktion, braucht Dialog und Diskussion. Vor allem: Das Wort fordert Antwort, Erwiderung.

So befinden wir uns mitten im Gespräch, präziser im Gedankengang, mit dem ein Partner einen Akt des Gesprächs eröffnet. Ein Gedankengang, der in diese Situation passt, in die inhaltliche Gesamtsituation oder zum unmittelbar Vorangegangenen. Also im Kern kein Vortrag, kein Monolog. Das ist manchmal nicht ganz einfach zu unterscheiden. Wichtigste Merkmale: Der Sprecher lässt Raum für Entgegnung, ja, formuliert so zugespitzt, so dass sich Widerspruch / Antwort faktisch aufdrängt.  Es ist dieser Raum, diese Erwartung, der die Erwiderung überhaupt erst zur Antwort macht, Raum schafft und dadurch den Unterschied macht, ob das Gespräch überhaupt in Gang kommt. Eine Frage der Atmosphäre würde man sagen können. Eine Frage auch der Bereitschaft und des Engagements des Partners wird man auch sagen müssen. Vieles schwingt da mit: Tonfall, Emotion, Zusammenhang. Raum für Ideen, Anregungen, Phantasie. Menschen sehen sich „gedrängt“, das Wort zu ergreifen, stehen zu ihrem Wort, stehen dahinter. Wo das fehlt, reicht es nur zu einem Schlagabtausch.

Das Gespräch strukturiert sich kurz a) in den darstellenden Gedankengang und b) in die Reaktion/Antwort. Seiten können wechseln, der Gesprächsverlauf dynamisch werden. „Der echte Autor und das echte Gespräch beide schöpfen aus dem Bestand der Sprache, also nicht aus dem Staubecken des Besitzes, sondern aus den quellenden und strömenden Wassern“. „Ich meine, die Wichtigkeit des gesprochenen Wortes gründet in der Tatsache, daß es nicht bei seinem Sprecher bleiben will. Es greift nach einem Hörer aus, es ergreift ihn, ja es macht diesen selber zu einem, wenn auch vielleicht nur lautlosen Sprecher“ (beide Zitate nach Abschrift einer Tonbandaufzeichnung der Rede Martin Bubers zu Anfang der Tagung »Wort und Wirklichkeit« der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vom 11. -15. 07.1962, veröffentlicht durch Bernd Ulrich 2007).

Hörer und Sprecher dieser Spezies suchen „Alternativen“ und sind nicht mit der Rolle des passiven Rezipienten abzuspeisen. Daher ist gerade auch die ökologische Alternative, die es ja mit Überleben und Existenz zu tun hat, eine Antwort.