mb-today.de: OEKO DIALOG

Die Geschichte geht so weiter

Schließlich wird das Kind von der Tochter des Tyrannen, der den Mordbefehl erteilt hat, gerettet. Sie ist nicht die einzige ist, die sich entgegen der Erwartungen verhält, inmitten einer Szenerie von Verfolgung, Mord und Totschlag.

Mensch kann auch sagen, dass die Legende sich bemüht, die darin liegende Härte und Brutalität ein Stück weit zu entschärfen. Fluss-und Moorlandschaften sind des Öfteren Schauplätze im Lebenskampf. Unwirtlicher können Verhältnisse kaum sein. Die Mutter des Säuglings ist selbst Sklavin. Trotzdem steht der „Zufall“ auf Seiten der Opfer. Die Mutter nimmt das Kind an sich. Moseskorb heisst der Korb in vielen Ländern. Das ist kein Idyll, das ist Überlebenswillen und Menschlichkeit auf Messers Schneide. Die Mütter setzen sich nicht nur für Kinder ein: sie retten das Kind. Eine Erzählung, die dabei hilft, der Wahrheit schrittweise den Weg zu bahnen.

Eine Story, in der die Natur eine tragende Rolle spielt, Anklänge an idyllische, symbolische und angsterregende Bilder mitgerechnet. Schon lautmalerisch düsterere Beschreibungen von Mooren und Sümpfen fallen einem ein. Aber auch Bilder, in denen sich Hoffnung und Schrecken gegenseitig in Schach halten. In der Sprache von heute: Moore- und Feucht-Gebiete speichern CO2, machen andererseits Pläne zur Trockenlegung und wirtschaftlichen Nutzung null und nichtig, sie bieten zwar Rückzugsmöglichkeiten für Diktatur-Verfolgte und ‚Gesetzlose‘, sind aber ebenso Verkehrshindernis, sogar für den Durchmarsch ganzer Armeen. Dem Doppelcharakter von ‚Festland‘ und ‚Bodenlosigkeit‘ kommt nur näher, wer aus Ratio und Emotion keinen Gegensatz konstruiert. Aufklärung muss emotional sein, um Menschen zu erreichen, sagt Alexander Kluge (DLF 15.02.24).

2001 fand eine der Initialzündungen für interreligiöse Initiativen in Deutschland im Martin-Buber-Haus in Heppenheim statt, und zwar mit der Gründung des Abrahamischen Forums (zum Gesamtthema: Interreligiöse Initiativen, Ergon Verlag, Baden-Baden 2023). Interreligiöse Umweltinitiativen ziehen Kraft aus Mythen und Traditionen, wie jene rund ums Wasser. Einige dieser Initiativen tragen die Nähe zum Wasser direkt im Namen,

  • so die Arbeitsgemeinschaft Garten der Religionen für Karlsruhe e.V.
  • der Garten der Religionen Recklinghausen

Ein weiteres Charakteristikum ist die Zweiteilung, (a) von der Glaubensgemeinschaft her zu denken und diese unter dem Aspekt der interreligiösen Gemeinsamkeit zu nennen, (b) vom Individuum her zu denken, und zwar unter Hintanstellung des Bekenntnisses.

So wird gesprochen von Menschen

  • „mit verschiedenen kulturellen, religiösen, weltanschaulichen Hintergrund“ (Coexister)
  • als „religionslos“ (Garten der Religionen für Karlsruhe e.V.)
  • als „konfessionslos“ (Freunde Abrahams) oder es werden
  • „nicht-religionsbezogene zivilgesellschaftliche Organisationen“ genannt (Religions for Peace).

Mit dem Bekenntnis, rückt auch die Motivation, d.h. die Frage nach dem „Warum“ in den Hintergrund und verschiebt sich dabei vom Expliziten ins Implizite, d.h. versteht sich vom „Selbst“ des Einzelnen. Damit besteht andererseits die Gefahr, den Kern des Glaubens (Nukleus) einzuebnen. Interreligiöse Initiativen aber können diesen in besonderer Weise sichtbar machen. Die Frage nach dem Warum wird hier nicht primär naturwissenschaftlich beantwortet (das kommt bisweilen auch vor) sondern eher mit dem Hinweis auf Nähe, Zugehörigkeit, Erfahrung. Auch ‚Moseskorb‘ ist ein Beispiel dafür. Fragen werden also beantwortet, aber nicht unbedingt, wie sie gestellt werden. Nicht unbedingt in einem Vokabular, in dem Bekenntnis-Sätze und -Formulierungen auftauchen oder anklingen.