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12. März 2026
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Dieser Blog hat es mit interreligiöse Ansätzen in der Ökologie zu tun.  bei vielen Begriffe, die ein „inter“ in sich oder vor sich hertragen, hat man sich darüber verständigt, wie die zu verbindenden Hauptbestandteile wahrgenommen, begriffen und eingeordnet werden.

Immer mehr Menschen engagieren sich in der Ökologie und im Umweltschutz. Sie tun dies mit ihren Motivationen und Hintergründen. Nicht wenig davon sind religiös fundiert und grundiert. Das gilt auch dann, wenn wir uns dessen gar nicht mehr bewusst sind.

Wahrscheinlich fällt auf, dass ich Inter-Religiosität entgegen der Rechtschreibregeln mit Bindestrich schreibe. Warum?  Bei vielen Begriffen, die ein „inter“ in oder zwischen sich tragen, scheint es mir angemessen, die zu verbindenden oder zu trennenden Hauptbestandteile deutlich wahrzunehmen.

Ein weiteres Beispiel wäre „Intersubjektivität“, die auch mit Fug und Recht einen Bindestrich beanspruchen kann. Das ist nicht untypisch auch für interreligiös Interessierte: Sie sehen einfach bestimmte Dinge anders. Und: Sie denken gar nicht dran, das zu ändern. 

Oft genannte Beispiele: 1. Inter-Subjektivität 2. Inter-Personalität. Mein Beispiel: Inter-Religiosität

Bei „Inter“Religiosität ist zum Beispiel Einigkeit darüber erzielt worden, um was es geht, wie es einzuordnen ist, schließlich, was Religiosität heißt: Interreligiösen Akteuren geht es um Gemeinsames in Religion und Glaube.

Allerdings bestehen sie nicht weniger hartnäckig auf bislang unbeachteten oder unterbewerteten Gemeinsamkeiten, die Religiosität und religiöse Überzeugungen mitunter in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Aber: Je grösser der Konsens, desto pointierter das Feindbild. Deshalb kommt der Blog auch nicht darum herum, das Verhältnis von Religiosität und Antisemitismus zu berühren. Mein Blog kreist sodann um das Verhältnis von Religiosität und Antisemitismus. Antisemitismus ist in vielen Fällen, so schmerzlich das ist, ein Erbe religiöser Traditionen. Wird Gemeinsames thematisiert, ist Abgrenzung nicht weit.

Antisemitische Feindbilder gehen bis in das körperliche Detail: Das Gesicht, die Haltung, der Gang. Ersparen Sie mir Details, ich bin ziemlich sicher, sie stehen uns vor Augen. Nicht zuletzt deswegen kam ich dazu, auch die positive Orientierung stärker zu personalisieren. Denn es sind ja Personen, die religiöse Haltungen und Überzeugungen verkörpern. Und vieles verliert, sobald es den Horizont der persönlichen Sphäre verlassen hat, seine Überzeugungskraft. Von Eifer, Empathie, Enthusiasmus ganz zu schweigen. Daher hat sich für meinen Blog über Gespräch und Dialog das (Zwie-) Gespräch mit einem wie Martin Buber angeboten, dessen gesamtes berufliches und privates Leben von der Auseinandersetzung über Gesprächsfähigkeit und Dialog geprägt war. Und zwar unter denkbar widrigen Umständen: Nationalismus, Rassismus und Verfolgung. In dieser Zeit war und blieb Martin Buber ein namhafter Pionier auch und gerade der Interreligiosität. Namhaft, vor allem deswegen, weil er als Philosoph und Intellektueller keinem Disput aus dem Wege ging. Ob es um Rassismus, Migration oder religiöse Perspektiven ging. Vor diesem Hintergrund versteht man besser, dass dieser Nährboden besonders fruchtbar ist, wenn es um Interreligiosität geht. In Wien geboren, in Lemberg  (Ukraine) aufgewachsen, studierte Buber u.a. in Wien, Berlin, lehrte dann an der Universität Frankfurt und nach seiner Flucht (1938) an der von Jerusalem.

Jean-Paul Kühne Antwort auf die Mail von Rainer Dykerhoff vom 1.3.26: KI, eine Frage der Wahrheit [vgl. mein Beitrag auf www.mb-today.de]

„… fragt dich die KI“, das ist, populistisch verhunzt, mitunter vernehmbar. Tatsächlich  sind Frage und Antwort eine Art und Weise, in der sich KI-Programme präsentieren.

Der Anwender stellt eine Frage – die KI gibt eine Antwort. Die Antwort hängt ab vom Wortlaut der Frage. Solche KI-Anwendungen simulieren mindestens ansatzweise ein Gespräch. Die Methode der Gesprächssimulation verstärkt und fördert die Akzeptanz.

Nicht so einfach ist die Frage zu beantworten, ob hinter den Antworten der KI, nicht andere Fragen verschwinden, die wir nun nicht mehr stellen. Hinter der Frage, ob das Dargestellte ‚richtig‘ oder falsch, kommt die Überlegung, ob etwas überhaupt wahr sein kann, und wenn ja, unter welchen Bedingungen, deutlich zu kurz.

Eine weitere Eigenheit der Wahrheit ist, dass sie leidet unter prompten Antworten, die Nachfragen und Sich-Versichern scheinbar überflüssig machen. Die Wahrheit ist nämlich auch, dass „richtig“ gestellte Fragen ihr näher kommen als die ausgeklügelste Antwort. Ob es uns bewusst ist oder nicht, befinden wir damit auf dem Terrain der Philosophie. Es geht um Wahrheit. Ein unvergleichlicher Vorteil sich selbst gestellter Wahrheitsfragen.

Es gibt noch eine weitere Eigenschaft der Wahrheit: Konfrontieren wir uns selbst mit dem eigenen Wahrheitsanspruch, begegnen wir Relativierung und Vergleichbarkeit im Prozess der Wahrheitsfindung. Als Bild dafür kann das Fernglas dienen, das neben der Zoom- eine Verkleinerungsfunktion hat, durch die Nähe wie auch Abstand hergestellt wird. Indem die Besonderheit einer Einsicht hervorgehoben wird, wird sie auch relativiert d.h. sie wird mit anderen Erkenntnissen in ein Verhältnis gesetzt.

Es ist nicht alles relativ. Sehr richtig. Aber allein das Fokussieren der Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen und Partner in der Auseinandersetzung, und sei es zum Zweck der Abgrenzung, betont die Bedeutung der Interaktion im Dialog und Gespräch: „Ich-Du ist der Ausdruck der Beziehung, die eine „Verzweckung“/Instrumentalisierung der zwischenmenschlichen Interaktion ausschließt“ (Kloubert, Tetyana. 2021. “Zu Martin Bubers Gedanken über Dialog und Bildung.” In Dialoge=Dialogues, edited by Rainer Wenrich and Petia Knebel, 148. München: Kopaed.).

Wahrheit in Zeiten der KI: Durch KI-erstellte Antworten lassen sich nicht urheberrechtlich schützen (EU AI ACT, Europe Artificial Intelligence Act; https://www.euaiact.com), denn solche Aussagen sind algorithmus-, zeit- und -sitationsabhängig. Aber was sollte mich hindern, mich auf die mit Hilfe der KI gewonnene Erkenntnisse und Autoren zu beziehen, die dann in der Tat zitierfähig sind?  

Jean-Paul Kühne: Untergangszenarien als Unterbrechung des kommunikativen Zusammenhangs. Antwort auf J.J. Korff: Wie Untergangsszenarien die Kommunikation stören

Das beschwören von „Untergangszenarien“ dient nicht nur dem Herbeiführen einer Entscheidungssituation, sondern ist auch das Einfallstor, von „der Natur“ zu sprechen. Ich erinnere mich an einen Werbeslogan, der lautete: Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur. Auch, wenn der Spruch von gestern ist, die Vorstellung von „der Natur“ steckt uns in den Knochen. Wir stellen uns Natur vor. Aber die Natur selbst sehen wir nicht. Die Natur ist ein Begriff. Die Natur geht auch nicht unter. Es sind die Szenarien des Untergangs, die uns vor Augen stehen, von denen Jens Jürgen Korff spricht. Untergangsszenarien, die das zerstören, was sie zu erhalten vorgeben. Sie meinen; Herr Korff, den kommunikativen Zusammenhang, den wir brauchen, um diese Welt und uns Menschen als „Teil der Natur“ zu erhalten. Wir sprechen von Kommunikation. Martin Buber würde in seiner Dialogphilosophie vielleicht eher vom Gespräch sprechen (vgl. www.mb-today.de).  

All das legt nah, „Natur als Subjekt“ zu begreifen. Wie im Dialog stehen sich gleichberechtigte Partner gegenüber. Erst zögernd begreifen wir, die Natur als Subjekt mit eigenen Ansprüchen und Bedürfnissen zu sehen. Das landläufige Verständnis geht heute vom „Allvertretungsanspruch“ der Natur aus, der aber in der Realität das Subjekt torpediert und damit die Kommunikation zerstört. Die Depression, die uns ergreift, wenn wir uns intensiv mit dem Untergang befassen, hat auch in der „gestörten“ Kommunikation, die Auswegslosigkeit signalisiert, seinen Grund. Die Binsenweisheit, dass das Subjekt immer auch in seiner Wahrnehmung des Objekts selbst steckt, ist wahr. Mit diesem Vertretungsanspruch wird die Natur verdinglicht, d.h. zur Sache. Subjekt meint so gut wie das Gegenteil. Es bedeutet: ‚aus eigenem Recht‘. Das hat nicht zuletzt ethische Konsequenzen. Eine Konsequenz ist „Bescheidenheit“, wie Korff das treffend nennt. Die Zielstellung dabei ist, dialogfähig zu werden, das Gegenteil von Sich-Anmassen und Sich-Aufblasen. Dies schliesst an zentrale Begriffe der Erkenntnisphilosophie Rainer Dyckerhoffs an. Das Subjekt existiert nur als wahrheitsfähiges Subjekt oder garnicht.

Jens Jürgen Korff: Wie Untergangsszenarien die Kommunikation stören. Antwort auf Jean-Paul Kühne

Als Gefahren für „den kommunikativen Zusammenhang der Gesellschaft“ sehen Sie u. a. Untergangsszenarien, die als „unabwendbare Erkenntnisse“ präsentiert werden, und die Missachtung der Natur als Subjekt, das mit uns Menschen kommuniziert. Als Klimaschützer und Naturschützer habe ich mit beiden Phänomenen zu tun, als Antifaschist und Pazifist zusätzlich mit dem ersten Phänomen, doch alles auf eine recht widersprüchliche Weise. In den eigenen Reihen, in der Klimaschutzbewegung, stoße ich oft auf Untergangsszenarien: Man zeigt einen Planeten, der Fieber hat, in Flammen steht, dessen Inseln und Küstengebiete überflutet werden usw. Alles das wird gerne zusammen mit dem Ruf „Hört auf die Wissenschaft!“ an die Wand gemalt. Als hätte „die Wissenschaft“ als Faktum festgestellt, dass Amsterdam im Jahr 2051 untergehen werde. Das hat sie nicht, denn eine Prognose mag eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben, sie ist aber nie ein Faktum. Sie mag Gegenmaßnahmen, also Klimaschutz, zu einem ethischen Gebot machen, aber sie stellt nicht fest, was passieren wird. Schon deshalb nicht, weil Prognosen stets selbst den weiteren Verlauf der Geschichte beeinflussen. Insofern stimme ich Ihrer Einschätzung zu, dass Untergangsszenarien die notwendige Debatte, die immer eine ethische ist um die Frage, wie wir handeln sollen, eher behindern als fördern.

Das gilt natürlich erst recht für die Untergangsszenarien, die von Nationalisten und Rassisten erzählt werden: »Deutschland schafft sich ab«, der »Bevölkerungsaustausch«, der »Untergang des Abendlandes«. Diese ignorieren einfach, dass die Kinder und Enkelkinder von Migrantinnen selber keine Migranten mehr sind, dass sie sich auf tausendfache Weise an ihr Heimatland, das ihr Geburtsland ist, anpassen und ein Teil davon werden.

Die Natur als Subjekt der Kommunikation wirft Fragen auf. Es gibt eine recht plakative und vorder­gründige Art, die Natur als Subjekt zu sehen, das ist die Ansicht, die Natur werde sich an den Menschen für die ihr angetane Schmach rächen. Auch diese Ansicht begegnet mir in den eigenen Reihen. Ich halte sie für abwegig, aus zwei Gründen: Sie projiziert niedrige Beweggründe, die es bei manchen Menschen gibt, in die Natur hinein; und sie tut, genau wie die Naturzerstörer, so, als seien Natur und Menschheit zwei getrennte Welten. Wer die Menschen für einen Teil der Natur hält wie ich, für hilfsbereite Affen, die sich morgens die Zähne putzen und Tee trinken, der kann kaum annehmen, dass sich jemand an uns rächen wird. Doch auch diejenigen, die vermeintliche Motive „der Natur“ zu ihren eigenen machen und als Anwälte der Eisbären gegen die Anwälte der Ölkonzerne in den Ring steigen, könnten einem Denkfehler zum Opfer gefallen sein. Sie haben weder die Eisbären noch die Wespenspinnen gefragt, was sie tun sollen. Die Wespenspinnen würden wahrscheinlich antworten: „Es wird wärmer in Mitteleuropa? Das haben wir gemerkt und sind eingewandert. Wo ist das Problem?“

Wie lösen wir das Problem, dass manche Menschen glauben, die Natur gehört zu haben, und andere das bestreiten? Haben die mit den besseren Ohren für die Natur größere Rechte, zusätzliche Stimmrechte bei der Wahl? Wer ist befugt, welche Tier-, Pflanzen- oder Pilzarten im Diskurs zu vertreten? Welchen Arten geben wir Stimmen und welchen nicht? Sind Tiere mehr wert als Pflanzen? Ist eine Mücke mehr wert als eine Linde? Ich glaube, dass solche Fragen uns nicht weiterführen. Ich glaube, dass wir als Menschen, die Hochwasserkatastrophen vermeiden wollen, nur als solche, als Menschen und Kellerbesitzer, gegen Menschen, die ihren Monster-Pickup fahren wollen, auftreten können.

Zugleich könnte eine solche Bescheidenheit, eine Rücknahme von Allvertretungsansprüchen und ein klares Artikulieren von persönlichen Interessen und Wünschen, im Dialog mit Verbrennungs-Konservativen und Betonköpfen hilfreich sein, weil es die Streitthemen auf den Tisch des Hauses legt.